Nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes und meiner ersten Lektüre von Friedrich Nietzsche:
Dass Liebe nicht ist ohne Eigenliebe,
Wahrheit sich mengt mit geheimer Lüge,
dass Weinen sich mischt in hellfrohes Lachen,
dass Sterben erstickt zartgrünes Erwachen,
dass an der Freiheit die Kette klirrt,
dass Schönheit geblendet zum Ekel irrt,
dass Gutes nicht frei von Schuld und Sühne,
dass Komik sich spreizt auf tragischer Bühne,
dass Sinn und Unsinn nicht zu scheiden,
dass Starke treten und Hilflose leiden,
dass zum Fluch wird jedes freundliche Wort,
dass ein Lächeln nicht fern von Tücke und Mord,
dass wir alle uns winden und fallen in Schuld
und die Frommen höhnen: tragt’s in Geduld …
fragt mich nicht, bin nur ein Reimedichter,
fragt den, der über allem ist Richter.
Potsdam-Hermannswerder 1956
Kommentar des 86-jährigen zu diesen Versen des 19-jährigen:
Zur Liebe gehört auch Eigenliebe.
Die Wahrheit besiegt am Ende die Lüge.
…
Ohne Freiheit am Menschen die Kette klirrt.
Schönheit durch Liebe aufblühen wird.
…
Sinnvolles Tun kann vom Unsinn sich scheiden.
Schwer zu ertragen, dass Hilfose leiden.
…
Ohne ein gutes Quentchen Geduld
stürzen wir uns in Leid und Schuld.
…
Got sei Dank: Ich bin nicht der Richter,
Gott selber ist der Schöpfung Maler und Dichter.