Zur Einführung
Die Spieler sitzen in ihren Kostümen vorne. Sie erheben sich jeweils kurz, wenn ihre Rolle genannt wird. Verbeugung, bzw. Knicks.
Liebe Gemeinde,
die kirchlichen Mitarbeiter aus unserem Kirchenkreis spielen Ihnen heute ein historisches Stück. Es soll uns im Lutherjahr vor Augen führen, was die Quedlinburger in der Reformationszeit geglaubt, gehofft und gelitten haben.
Den Zeitabschnitt von 1523 – 1539 hat Hermann Lorenz in seiner „Quedlinburger Geschichte“ (von 1922) überschrieben: „Die Zeit der Glaubensbedrückung“. Die Auseinandersetzung zwischen „evangelisch“ und „katholisch« war in Quedlinburg überlagert von dem Kampf zwischen Herzog Georg von Sachsen und der evangelisch gesonnenen Bürgerschaft.
Herzog Georg, später „der Bärtige“ genannt, war der entschlossene Feind Luthers. Er versuchte mit den Mitteln seiner Macht die Reformation auch im Stift Quedlinburg zu verhindern. Die Bürger waren zur Reformation entschlossen, ebenso die Pfarrer und besonders die Augustinermönche.
Als typischer Vertreter von ihnen ist heute unter uns der entlaufende Mönch Augustin Fels. Bereits 1523 stand das Kloster im Augustinern verlassen. Viele Einzelheiten der bewegten Zeit gehen auf die Chronik des Pfarrers Johann Meyer zurück, der ab 1597 in Quedlinburg wirkte. So eine Hauptfigur im Stück, Pfarrer Bethmann von St. Nikolai. Er kam durch einen Mordanschlag in der Segenshalle der Nikolaikirche ums Leben. Und sein Bruder Peter, der ihm als Leibwächter diente.
Nur kurz erwähnt werden, weil der Streit besonders um sie ging, der Schulrektor Leo, über den sich der Herzog mehrfach beschwert, er hätte beim Abendmahl das Blut Christi aus der bloßen Hand seinen Schülern gereicht, ebenso der lutherische Pfarrer Simon Neubert an der Marktkirche, den der Herzog vertrieben hatte und der darauf eingesetzte katholische Nachfolger Johann Matthiae, der sein Amt später resigniert aufgab.
Den Quedlinburgern bekannter ist der blinde Pfarrer Kirchhoff vom Johannishof, der als einziger die Verfolgungen überdauert hat.
Eine wichtige Rolle spielte damals der Stiftshauptmann Meiseburg. Er musste die harten Befehle des Herzogs durchsetzen. Als Äbtissin regierte damals Anna die II.. Sie hat sich, weil militärisch machtlos, notgedrungen dem Herzog untergeordnet, aber unter dessen Nachfolger Heinrich dann ab 1539 die Reformation im Stift durchgeführt.
Als eine typische, also fiktive Gestalt des mächtigen Stadtbürgertums sehen Sie heute den Ratsherren Brecht. Sie sehen seine Frau Ros und seine Tochter Gretel. Sie erleben Marie, seine Magd und Katrin, eine Amme. Sie sehen den Bürgermeister der Stadt von 1524, einen Ratsherren und einen Bürger.
Sie sehen und hören den Wächter der Stadt, der des Nachts auch die Uhrzeit ausrufen und singen musste. Ferner spielen mit: Gustel, die Eierfrau, der Hakelwirt zu Heteborn, seine Frau, eine vorzügliche Köchin und deren Tochter.
Durch den Bauernkrieg 1525 wurde das Kloster der Benediktinerinnen auf dem Münzenberg zerstört. Als Bauernführer sehen Sie Kaspar und Lothar und die Hauptmännin, genannt die tolle Uschi. Zu ihrem Gefolge gehören zwei wüste Gestalten. Da sind sie. Der Bauernkrieg hatte schwere Schatten auf die junge reformatorische Bewegung geworfen.
Von den theologischen Streitfragen der Reformation wird im Stück besonders eine benannt und Bezug genommen auf Luthers Schrift: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (November 1520). Der Begriff der „evangelischen Freiheit“ hat damals Hoffnungen und Befürchtungen erweckt, und er ist schon damals missverstanden und missbraucht worden.
Im Stück stehen dafür Franz, der Fuhrknecht, und Dörte, eine Magd. Dafür stehen aber auch die Gestalten aus dem Bauernkrieg. Das Stück bemüht sich um historische Treue. Die chronologische Abfolge der Ereignisse konnte um einer geschlossenen Handlung wegen allerdings nicht eingehalten werden. So ist z.B. die Auseinandersetzung zwischen Pfarrer Bethmann und dem Herzog Georg erst 1535 gewesen und Bethmanns Tod 1536. Unser Stück aber führt uns in die Jahre der beginnenden Reformation 1523 – 1526. Das letzte Bild ist historisch gesehen leider völlig falsch. Da beginnen nämlich zwei feindliche Brüder sich zu vertragen, ein evangelischer Prediger und ein katholischer Priester.
Ein Reformationsspiel gegen unsere katholischen Mitchristen wollen und dürfen wir nicht spielen. Bei allem Respekt vor der Geschichte und bei allem Dank auch für das reformatorische Erbe – die Kirchenspaltung ist eine offene Wunde am Leib Christi. Wir müssen und wollen es lernen, so miteinander umzugehen, dass diese Wunde einmal heilen kann. Darum begrüße ich besonders herzlich den katholischen Priester in diesem Stück und in unserer Stadt.
Genug der Vorrede.
Sehen Sie nun das historische Stück in sieben Bildern.
„O du lieber Augustin“ … oder „Die evangelische Freiheit“
