Die falsche Sanftmut des Schnees

„An diesem Tag des fünften Kriegswinters schneite es in ganz Italien. Der braune und grüne Landzinken in der drolligen Form eines Stiefels gefror, färbte sich weiß, schien jetzt unbefleckt von verkohlten Gebäuden, Granattrichtern und dem roten Blut der Gefallenen.

Es war Januar 1945, und in den Bergen und den Ebenen herrschte ein einziges wildes Schneegestöber.“ [7]

Am Morgen, als der Schnee fiel, erwachte der 24-jährige Obergefreite Joe Hammond auf seinem Feldbett. Noch im Halbschlaf erinnerte er sich an sein Leben, wie es war und wie es ist. Er dachte an den reglementierten militärischen Alltag und daran, irgendwann wieder ein normaler Mensch sein zu können, der sein Leben selbst bestimmt.

„Egal, was ich mal sein wollte, dachte Joe Hammond – das hier jedenfalls nicht. Wer diese Welt akzeptiert, ist entweder verrückt oder strohdumm.“ [14] Aber jetzt schneite es und der ganze Krieg, und die ganze Armee wirkte verändert. Der Schnee deckte alles barmherzig zu.

Auf dem Luftwaffenstützpunkt gab es an diesem Tag nichts zu tun. Die Flugzeuge konnten wegen des Wetters nicht aufsteigen, Fotos von der Luftaufklärung waren nicht zu entwickeln und auch Joe, der im Pressebüro seinen kriegswichtigen Platz hatte, war beschäftigungslos. 

Jedoch Untätigkeit gab es beim Militär nicht. Der General machte eine Inspektion. Der Oberst wurde trotz Brummschädel vom vorabendlichen Besäufnis aus dem Bett geholt. Der Major warnte die Einheiten vor. Der Leutnant im Pressebüro wurde aus der Untätigkeit gerissen und befahl dem Obergefreiten, das Büro aufzuräumen. Joe Hammond kam unwillig dem Befehl nach. Schließlich wurde dem General eine über die Maßen beschäftigte Einheit vorgeführt.

Sonst passierte wenig: Essen fassen, Post entgegennehmen, Briefe schreiben, sich besaufen, ins Bett fallen und mit Brummschädel aufwachen, Essen fassen …  Zwei Ereignisse allerdings beeinträchtigten den soldatischen Trott von Joe Hammond: 

Seine Freundin schrieb ihm, dass sie sich von ihm getrennt hatte. Hammond wurde bewusst, dass „die Jahre, die er hier zubrachte, nicht etwas waren, das mit ihm und seinem Leben nichts zu tun hatte. Sie waren sein Leben. Und alles war ein Schlamassel. Alles war sinnlos.“ [57]

Außerdem übernahm Hammond den Wachdienst eines anderen Soldaten, weil dieser zu betrunken war. Allerdings wurde dieser Verstoß gegen die militärischen Dienstvorschriften bemerkt, Hammond wurde arrestiert und schließlich vom Obergefreiten zum Gefreiten degradiert. Es war ihm egal und er tat, was Soldaten taten, wenn sie keinen Dienst hatten, er betrank sich. Als er wieder auf die Straße kam, war er sternhagelvoll. 

„Er sah den Kastenwagen nicht kommen. Er merkte nur, daß sich ringsum alles drehte und er nirgends mehr Halt fand. 

Er rutschte am Bordstein ab und fiel auf die Straße. Der Fahrer riß das Lenkrad herum, konnte ihm aber nicht mehr ausweichen …“ [130.131]


selbst lesen: Robert Lowry, Die falsche Sanftmut des Schnees. Roman, 1996 [Originaltitel: Casualty, 1946, übersetzt von Carl Weissner].

zum Autor: Robert Lowry (29. März 1919 bis 5. Dezember 1994) galt nach dem 2. Weltkrieg, an dem er ab 1942 als Soldat teilgenommen hatte, als großes Talent. Schon mit neun Jahren hatte er seinen ersten Text veröffentlicht. Als er aus dem Krieg zurückkehrte schreibt er innerhalb weniger Jahre eine Reihe von erfolgreichen Büchern. 1952 wird er von seiner Frau in die Psychiatrie eingewiesen, der Grund ist nicht genau geklärt. Fortan wird er nicht mehr gesund, die rabiate Therapie mit Elektroschocks,  Psychopharmaka und Insulinschocks mag dazu beigetragen haben. Noch zwei Romane und eine Reihe von Kurzgeschichten entstehen. Als er stirbt, hatte die Literaturgeschichte Lowry, der fast ein großer Schriftsteller geworden wäre, schon lange vergessen.

siehe auch: Matthias, Matthussek, Langer Flug in den Wahn, Der Spiegel, 18.7.1994, www.spiegel.de/spiegel/print/d-9285665.html [15.2.2021].


 

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