Kleine weiße Friedenstaube

Sie muss aus ihrer Heimat vor dem Krieg fliehen. Es ist für sie eine Flucht ohne Heimkehr. 

1926 wurde Erika Schirmer im damaligen Polnisch-Nettkow (heute Nietków) an der Oder in Schlesien geboren. Im Winter 1945 flieht sie mit ihrer Mutter. Der von Deutschland ausgegangene Krieg ist an seinen Ursprung zurückgekehrt. Erika Schirmer beschreibt es so: 

„Es war eine frostklare Winternacht an diesem 28. Januar 1945, als meine Mutter und ich auf den Zug warteten, der die letzten Flüchtlinge westwärts bringen sollte. Der Schnee knirschte und zirpte unter unseren stampfenden Füßen. Mit angstvoller Spannung schauten wir in die Richtung, wo der Zug kommen sollte. Der volle helle Mond stand teilnahmslos am Himmel, Kinder weinten, alte Leute beteten leise – und sonst war es still. Die Angst hatte uns stumm gemacht. Plötzlich hörten wir eine furchtbare Detonation … Auf einmal hieß es: die Oderbrücke wird gesprengt. Die Russen stehen da!

Ich habe fassungslos alles angeschaut, hörte die Menschen um mich herum, sie weinten und schrieen und beteten und es war ganz schlimm! Und ich stand daneben und war eigentlich trotzig. Und habe gedacht: das geht mich alles nichts an. Ich will wieder heim! Das war nur der eine Gedanke, der mich beherrscht hat. Aber dann kam der Zug langsam angerollt. Die Lokomotive, beheizt mit schlechter Braunkohle, stieß gewaltige Sternchen-Fontänen in die Höhe. In panische Angst drängten wir hinein.“1

Nach mehreren Stationen findet Erika Schirmer 1948 im nordthüringischen Nordhausen eine neue Heimat. Dort arbeitet sie zunächst als Kindergärtnerin.

Als sie eines Tages durch das kriegszerstörte Nordhausen ging, fällt ihr ein Plakat auf. Ein Ladenbesitzer hatte es an seine vernagelte Schaufensterscheibe geklebt. Es ist ein Plakat zum Pariser Weltfriedenskongress 1949 mit der Zeichnung „La Colombe“ [Die Taube] von Pablo Picasso.

Erika Schirmer erinnert sich: „Und da habe ich davor gestanden und habe das als Freude empfunden: es war etwas Schönes, was da war. Hab mir die Taube lange angeguckt. Und da hatte ich auch sofort Text in mir, Musik auch – und bin in meinen Kindergarten gegangen und habe das gesungen. Da hatte ich das noch gar nicht aufgeschrieben.“ Ihr Praktikantinnen trugen es weiter, 1951 wurde es veröffentlicht.

In ihrer schlesischen Heimatstadt findet sich heute ein Friedensstein:

„Frieden
stark wie ein Sturm
zerbrechlich wie Glas
hütet den Frieden!“


Erika Schirmer (* 1926)
Kleine weiße Friedenstaube

Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land;
allen Menschen, groß und kleinen, bist du wohlbekannt.

Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier,
dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.

Fliege übers große Wasser, über Berg und Tal;
bringe allen Menschen Frieden, grüß sie tausendmal.

Und wir wünschen für die Reise Freude und viel Glück;
kleine weiße Friedenstaube, komm recht bald zurück.


Heute haben wir das Lied im und nach dem Gottesdienst in Perleberg gesungen und eine Friedenstaube fliegen lassen. Möge sie ihre Botschaft weitertragen: „Frieden wollen wir.“


1Thomas Gaevert, Kleine weiße Friedenstaube. Ein DDR-Kinderlied und seine Schöpferin, 2006, www.swr.de/-/id=16881762/property=download/nid=8986864/1wuypp5/swr2-tandem-20160309-1005.pdf [13.3.2022].

Bild Nordhausen 1945 | Mourlot Poster, Pablo Picasso, Congres Mondial de la Paix, 1949.


 

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