Vor den Vätern sterben die Söhne

„Es müßte, für eine besondere Art des Rezensierens, auch im Feuilleton eine Rubrik namens ‚Wiedergelesen‘ eingeführt werden. Doch Literaturkritik im Feuilleton ist in der Eile des Geschäfts aufs Aktuelle getrimmt, da bleibt kaum Platz für eine wiedergängerische Lektüre. Alte Bücher sind zwar keine abgelebten, aber sie sind unwiederbringlich vergangen und haben für die tagesaktuelle Literaturkritik ihre Zeit hinter sich. Das ist oft schade, denn manches alte und manchmal auch vergessene Buch verdient es, dem Leser ans Herz gelegt zu werden. Sie sind da und ragen als Wegmarken in die Literaturlandschaft. Es lohnt sich, sie immer einmal wieder zu lesen. So auch Thomas Braschs Prosaband Vor den Vätern sterben die Söhne aus dem Jahr 1977.“1


„Die Schicht ist um 5 zuende. Um viertel sechs werde ich am Tor sein. Holst du mich ab? Was sonst, sagte er, ich bin um fünf am Tor. Ich hätte es ihr sagen sollen. Morgen kommt sie von der Schicht, und ich bin nicht da. … Irgendwann erfährt sie es sowieso. Entweder schreibe ich ihr von drüben oder ich bin tot.“ [11]

Aber noch ist Zeit. Ich fahre mit der Straßenbahn irgendwo hin, steige aus, finde mich in der Wohnung eines alten Mannes wieder, der erzählt, dass er Spanienkämpfer war. Das Lied habe ich schon im Kindergarten gehört.

„Als sie sahen, wie Marsyas den Berg heraufkam, wussten sie, daß der Sieger des Kampfes Apoll heißen würde.“ [23] Der leuchtende Gott des Olymps lässt schließlich dem nur halbgöttlichen Satyr die Haut bei lebendigen Leibe abziehen.

Ich sitze dem Vernehmer gegenüber. Er will wissen, wann ich Robert zuletzt gesehen habe. Zum ersten Mal habe ich ihn im Kino gesehen, ein Film über Bauarbeiter. Im Saal gab es Tumult: „Wir lassen unseren Staat nicht in unseren Kinos beleidigen.“ [33] Nach dem Kino fuhren Robert und ich mit meinem Motorrad an die Ostsee. Wir blieben eine Woche dort. Robert fragte mich, ob wir zusammen eine Frau haben wollten.

Der Vernehmer sagt: Sie wussten, dass er illegal die DDR verlassen wollte. Ich dachte an Robert und daran, wie wir beide mit Sophie zusammen waren, in ihrem Zimmer, beim American Folk Blues Festival im Friedrichstadtpalast, an der Mauer. „Ich habe sie mir höher vorgestellt, sagte Sophie. … Als ich jetzt an die Mauer dachte, war sie für mich das Ende, und für Robert war sie nicht das Ende und darum war sie für ihn das Ende.“ [56] Dann lagen wir zusammen im Bett. Nun  ist Robert tot. Der Vernehmer sagt: Sie können jetzt gehen.

Ramtur ist Dreher. Ihm haben sie den Amnestierten zugewiesen. Eine alte Frau setzte sich neben mich in die S-Bahn und hielt mir eine Flasche Wodka hin, Arbeitersekt. Auf der anderen Seite saß ein Mädchen. Sie sagte: Hau ab. Wir sind in ihrem Zimmer. Hau ab von hier. Ramtur schreibt an den Direktor: Ich möchte ein Jahr lang nicht arbeiten. Der Direktor meldet ihn. Der letzte Brief von Ramtur: „Ich bin jetzt für 15 Monate in einer verschlossenen Weberei tätig.“ [90]

Vom Tod des Eulenspiegels gibt es vier Überlieferungen, aber alle erzählen, dass Eulenspiegel in einen Saal mit Professoren kam. „Er fragt die Männer, was besser sei: Wenn einer tut, was er kann, oder wenn einer tut, was er nicht kann.“ [123] Alle fingen an zu schreien und liefen dann fort. Da lief auch Eulenspiegel „schneller und schneller, und als er auf die Straße herauskam, schien ihm, als bewegte sich nichts mehr: Kein Mann und kein Ast und kein Fahrzeug. Da blieb er stehen und bewegte sich auch nicht mehr.“ [123]


selber lesen: Thomas Brasch, Vor den Vätern sterben die Söhne, Bibliothek Suhrkamp 1355, 2018. Das Buch erschien zuerst 1977.

1Die Utopie des Augenblicks -Thomas Braschs „Vor den Vätern sterben die Söhne“, www.bersarin.wordpress.com/2018/09/11/die-utopie-des-augenblicks-thomas-braschs-vor-den-vaetern-sterben-die-soehne/, 9.3.2022.


 

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