Der Fänger im Roggen

„Wenn ihr das wirklich hören wollt, dann wollt ihr wahrscheinlich als Erstes wissen, wo ich geboren bin und wie meine Kindheit war und was meine Eltern getan haben und so, bevor sie mich kriegten, und den ganzen David-Copperfield-Mist“ [9].

Aber solchen Mist erzähle ich, Holden Caulfield, euch nicht. Denn ihr seid alle verlogen und affektiert und falsch. Euch interessiert gar nicht, warum ich schon wieder von der Schule geflogen bin. Es ist euch egal, dass Ward mit Jane im Auto knutscht und wer weiß was noch tut. Keiner vermisst mich, wenn ich drei Tage vor den Weihnachtsferien von der Schule abhaue und durch New York ziehe.

Überhaupt bin ich „der irrsinnigste Lügner, dem ihr in eurem Leben begegnet seid“ [28]. Sunny erzähle ich, dass ich wegen einer Operation keinen Sex haben kann, obwohl ich sie gerade aufs Zimmer bestellt habe. Sally gaukle ich vor, das ich sie liebe, als sie aber nicht mir mir durchbrennen will, lasse ich sie stehen – oder sie mich? Carl nerve ich mit meinen Fragen, bis er die Flucht ergreift und ich in den Alkohol fliehe.

Ihr seht schon, mein Mist interessiert euch nicht und euer geheucheltes Interesse deprimiert mich nur. Eigentlich hat meine Schwester recht, wenn sie mir sagt: „Dir gefällt gar nichts, was passiert.“ [215] Aber dann ist mir doch eingefallen, was ich gerne tun würde:

Ich stelle mir vor, tausend kleine Kinder spielen in einem Roggenfeld. Ich stehe an einem Abgrund am Rande des Feldes und muss sie fangen, bevor sie hinab fallen. „Ich wäre einfach der Fänger Roggen oder so.“ [220]

Aber nun ist Schluss. Mehr erzähle ich nicht. Ich erzähle nicht, dass die anderen meinen, ich sei krank, dass sie mich hier in so eine Anstalt gesteckt haben, und dass es hier diesen Psychoanalytiker gibt, der ständig etwas fragt, und auch nicht, dass ich im Herbst wieder auf eine andere Schule gehen soll. Aber es gibt ja auch gar nichts, was ich euch erzählen könnte.


selbst lesen: Jerome David Salinger, Der Fänger in Roggen [Übersetzung Eike Schönfeld], [18] 2018 [Original: The Catcher in the Rye, 1951]

Salinger glaubte, die natürliche Lebenserwartung betrüge 120 Jahre und er wollte so alt werden. Am 1. Januar 2019 wäre er 100 geworden, wäre er nicht schon am am 27. Januar 2010 gestorben.



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