Der Mauerläufer

„Ich schaute gerade auf die Karte, als Stephen plötzlich ausscherte, gegen den Felsen schrammte und die Fehlgeburt verursachte.“ [7] Aber nicht so schlimm. Stephen war eben ein wenig abgelenkt. Ein Tichodroma muraria war gegen die Windschutzscheibe geflogen. Aber ein Glück, er hatte überlebt und wurde vorsichtig ins Auto gesetzt. Dass ich stark blutete, kotzen musste und es mir wirklich nicht so gut ging, schien ihm nicht so wichtig.

Kennengelernt hatten Stephen und ich uns  in Philadelphia. „Es war es einer dieser Momente, wo du denkst: Wir zwei vögeln ganz bestimmt mal.“ [10] Es dauerte zwar noch ein wenig, aber dann hatten wir geheiratet, ich wurde schwanger, wir zogen nach Bern. Jetzt war das Kind in meinem Bauch nicht mehr da, dafür hatten wir einen Vogel, bis auch der nicht war, ebenso wie die Liebe, aber da hatte ich schon Elvis und dann lernte Stephen Birte kennen … und so nahm meine Geschichte von und vom Vögeln, vom Umweltaktivismus und von Seitensprüngen ihren Lauf. 

Unsere Wege führten uns nach Berlin. „Hier gab es keine Berge. Berlin war riesig und flach, wiederholte sich bis zur Trostlosigkeit.“ [73] Wir beobachteten die Vögel auf dem Tempelhofer Feld und gingen ins Berghain. Die Menschen sahen alle merkwürdig aus. „Gewohnheitsmäßig trug man Kleidung, die nicht passte“. [74]

Unsere Wege führten uns nach Lenzen. Lenzen liegt fast an der Elbe, „auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg und von beiden Städten gleich schlecht zu erreichen“ [83] Hier gab es eine Umwelttagung, die ich aber weitgehend versäumte, bis auf eine Diskussion über die Baumfroschbalz und den Vortrag von Birte „Wasserkraft? Nein, danke.“ Interessanter war ein unauffälliger Mann, mit dem ich Kraniche beobachtete, Olaf.

Unsere Wege führten uns noch einmal nach Berlin, dieses Mal für länger. Wir bewohnten eine drittklassige Hinterhauswohnung, in der ich mich wie im Slum fühlte. Olaf kam auch einmal in die Stadt, in Pankow hielt er einen Vortrag über das Europäische Storchendorf Rühstädt. Danach schliefen wir in seinem Zimmer mehrmals miteinander. 

Es war schwer, Olaf, der in Bonn wohnte, zu sehen oder gar die Nacht mit ihm zu verbringen. Schließlich fand sich an der Elbe das Haus von Gernot um sich zu treffen. Gernot war evangelischer Stadtkirchenpfarrer von Wittenberg. „Seine sanften Predigeraugen ruhten auf meinen, wie um zu sagen: Jetzt besorg es mir schon, du Metze.“ [123] Olaf fährt ab und ich kam eine Woche später mit Stephen zurück.

Wir wollten etwas für die Umwelt tun. Nacht für Nacht schlichen wir zum Deich, um eine Bresche zu schlagen. Der dahinter liegende Auenwald sollte wieder überflutet werden. Stephen fährt nach Mazedonien. Ich mache weiter. Später höre ich, dass mein stümperhaftes Werk gelungen ist, beim Hochwasser bricht der Deich. Ob es gut für die Natur ist, weiß ich nicht.

Es passiert noch mancherlei. Fast am Ende meiner Geschichte ist Stephen tot, gestorben an einem Fluss in Albanien. Ich war dabei, konnte ihm aber nicht mehr helfen. Es war wohl ein Herzinfarkt. Ich versuchte es noch einmal mit Olaf. Es klappt nicht. Dann ziehe ich in das Haus von Gernot, renoviere es  und schreibe den „Mauerläufer“. 


selber lesen: Nell Zink, Der Mauerläufer, 2016 [amerikanische Originalausgabe: The Wallcreeper, 2014]


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