Die Moskauer

„‚Was sahen 58 deutsche Arbeiter in Russland?’1 Diese Broschüre musste jedes gute Parteimitglied [der KPD] gelesen haben. Das Land der großen proletarischen Revolution erschien darin als Paradies. … Eine Arbeiterdelegation war 1925 durch die ganze Sowjetunion gereist, unter der Leitung von Hermann Remmele.“ [11]2

Remmele war 1897 in die SPD eingetreten. 1917 war er bei der Gründung der USPD und 1920 bei der Vereinigung mit der KPD dabei. Seit 1920 war er im Zentralkomitee der KPD und Mitglied des Reichstags, 1924 kurze Zeit KPD-Vorsitzender. Er galt einer „der Besten der eisernen bolschewistischen Garde“ [12]. 1932 wurde er nach Moskau beordert. Auch seine Frau, sein Sohn und seine Tochter gingen nach 1933 in die Sowjetunion.

Die Familie Remmele war im Heimatland des Kommunismus zwar vor dem Terror Hitlers in Sicherheit, kam aber dafür aber in den Terror Stalins. Hermann Remmele wurde aus dem ZK der KPD ausgeschlossen. 1937 wurden er, seine Frau und sein Sohn vom NKWD verhaftet. 1939 wurde er zum Tode verurteilt und hingerichtet. Sein Sohn starb auf dem Weg ins Lager. Seine Frau und die Tochter wurden 1941 nach Sibirien verbannt. Die Frau starb dort. Seine Tochter konnte 1956 in die DDR ausreisen. Hier wurde sie von der Stasi überwacht, weil sie sich nicht daran halten wollte, über ihre Erfahrungen zu schweigen.

Die Geschichte der Familie Remmele steht beispielhaft für rund 5.000 deutsche Kommunisten, die in die Sowjetunion gingen.Der stalinistische Terror hatte mehr Opfer unter den Kommunisten gefordert, als der Terror Hitlers. „Der Kommunismus ist in in der jüngeren Geschichte die einzige Bewegung, die mehr ihrer eigenen Führer, Funktionäre und Mitglieder ermordet hat, als das ihr Feinde taten.“3 Ingesamt schätzt man die Zahl der Opfer unter Stalin auf 3 bis 20 Millionen; die genaue Zahl kennt niemand. 

Nur kleine Gruppen von Kommunisten kamen unmittelbar nach Kriegsende nach Deutschland.4 Insgesamt waren es nach 1945 rund 1.400, die in die spätere DDR zurückkehrten. Über den Terror, die Verfolgungen, die gegenseitigen Denunziationen und ihre Angst schwiegen sie. Sie bauten das neue, bessere Deutschland auf und verdrängten ihr Trauma. Damit gehörte dieses Trauma „zum mentalen Fundament des neuen Staates“ [23].

Die Geschichte der Moskauer Jahre und ihrer Folgen und viele einzelne Geschichten von „Moskauern“ erzählt der Historiker und Publizist Andreas Petersen aus seiner Sicht, die im Detail nicht unumstritten ist. Aber wer sein Buch liest, denkt wohl anders über die Väter der DDR. Von einem Neuanfang nach dem Krieg, der dann im Laufe der Zeit vermurkst wurde, kann keine Rede bei Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck und Genossen sein. Der Stalinismus wirkte weit in die DDR hinein und bildetet die Basis der Gesellschaft bis zu ihrem Untergang und vielleicht sogar noch darüber hinaus.


selbst lesen
Andreas Petersen, Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte, 2019.

zum Ansehen
Und der Zukunft zugewandt | ein Film von Bernd Böhlich, 2019.
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1 Was sahen 58 deutsche Arbeiter in Rußland? Bericht der deutschen Arbeiter-Delegation über ihren Aufenthalt in Rußland vom 14. Juli bis zum 28. August 1925, 1925. [Der komplette Text findet sich hier.]

2 Hermann Remmele wird allerdings in der Liste der Teilnehmer nicht aufgeführt. [Was sahen 58 deutsche Arbeiter in Rußland?, 8.9].

3 Hermann Weber | Ulrich Mählert (Ed), Verbrechen im Namen der Idee. Terror im Kommunismus 1936 – 1938, 7.

4 Die Gruppe [Walter] Ulbricht kam nach Berlin, die Gruppe [Anton] Ackermann nach Sachsen und die Gruppe [Gustav] Sobottka nach Mecklenburg.


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