In Weihnachtszeiten

„Das Erlebnis, dessen ich mich mich heute erinnere, hat nicht einmal Minuten gedauert, nur Sekunden. Aber in den Sekunden des Erwachens und Sehendwerdens sieht man viel, und da Erinnern und Aufzeichnen braucht, wie bei Träumen, das Vielfache an Zeit als das Erleben selbst.

Es war in unserem Vaterhaus in Calw, und es war Weihnachtsabend im ‚schönen Zimmer‘, die Kerzen brannten am hohen Baum, und wir hatten das zweit Lied gesungen. Der feierlichste und höchste Augenblick war schon vorüber, der was das Vorlesen des Evangeliums: da stand unser Vater hoch aufgerichtet vor dem Baum, das kleine Testament in der Hand, und halb las er, halb sprach er auswendig mit festlicher Betonung die Geschichte von Jesu Geburt: ‚und es waren Hirten daselbst auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde …‘“ [7]

Erinnerungen an Weihnachten in der Kindheit, an eine Weihnacht im Ersten Weltkrieg, auch an die überhetzte Betriebsamkeit vor dem Fest klingen zusammen in lieblicher Erinnerung oder zeigen die Dissionanzen auf zwischen dem Ursprung des Festes und der Art, wie es die späteren feiern:

„Weihnachten ist eine Angelegenheit, von der ich eigentlich nicht gern spreche. Einerseits weckt das schöne Wort so tiefe, heilige Erinnerungen aus dem Sagenbrunnen der Kindheit … Und andererseits ist ‚Weihnacht‘ ein Inbegriff, ein Giftmagazin aller bürgerlichen Sentimentalitäten und Verlogenheiten, Anlaß wilder Orgien für Industrie und Handel, großer Glanzartikel der Warenhäuser, riecht nach lackiertem Blech, nach Tannennadeln und Grammophon, nach übermüdeten, heimlich fluchenden Austrägern und Postboten, nach verlegener Feierlichkeit in Bürgerzimmern unterm aufgeputzten Baum, nach Zeitungsextrabeilagen und Annoncenbetrieb, kurz, nach tausend Dingen, die mir bitter verhaßt und zuwider sind, und die mir alle viel lächerlicher vorkämen, wenn sie nicht den Namen des Heilands und die Erinnerungen unserer zartesten Jahre so furchtbar mißbrauchten.“ [40]

Und mitten drin Aquarelle, scheinbar Bilder aus einer fernen Zeit: eine einzelne Kerze, die den kahlen Raum erhellt, ein Weihnachts-Kalenderblatt für deutsche Kriegsgefangene, eine liebliche Landschaft, in der es noch Schnee gibt.


selbst lesen: Hermann Hesse, In Weihnachtszeiten, 2001.


3 thoughts on “In Weihnachtszeiten”

  1. Lieber Peter, danke für das NACH denken noch einmal kurz vor dem Weihnachtsfest. Immer wieder gut ein kleines retardierendes Moment kurz vor dem Trubel zu haben. Ich lese Deine Überlegungen sehr gerne. Dir und Eva-Maria (trotz alledem) eine schöne Zeit. Thomas und ich haben in diesem trubeligen jahr kaum Urlaub gemacht und sind über Neujahr bis zum 06.01. 2020 auf dem Darss. Sei ganz herzlich gedrückt und liebe Grüße an Eva – Maria … Deine Martina

  2. Ein kurzer Text über den Schnee

    Die Gespräche über den Schnee beginnen jedes Jahr spätestens im Oktober. Die Alten behaupten, früher hätte es immer schon im Oktober den ersten Schnee gegeben. Früher waren überhaupt die Winter kälter, schneereicher, länger – eben winterlicher. Immer schon. Und überhaupt röche es doch nun nach Schnee.
    Spätestens Mitte November beginnt dann das ewige Greinen über die Frage, ob wir mit weißen Weihnachten rechnen können. In allen Medien. Das Greinen wird lauter mit jeder Wettervorhersage. Angeblich gehört Schnee zu Weihnachten wie die Krippe zum Christkind. Und zu Weihnachten (so sagte man früher; heute sagt man: an Weihnachten, das klingt schicker) schneit es natürlich nicht. Warum auch? In Bethlehem hat’s ja auch nicht geschneit. Ich glaube, es geht nur darum, das richtige Wetter für eine scheußliche Ami-Schnulze, der man in der Weihnachtszeit kaum entgehen kann, herbei zu weinen.
    Der erste Schnee kommt dennoch überraschend. Zum Beispiel immer schon, bevor man die Winterreifen montiert hat. „Und selbst wenn du sie montiert hat, nutzen sie dir nichts“, sagt Ulrich. „Und weil die meisten anderen sie eben noch nicht drauf haben, stehst du mit deinen nagelscharfen Winterreifen im Stau, an dem die anderen schuld sind.“ Immer.
    Gerda sagt: „Es liegt an den Satelliten.“ Das hat sie auch vor vierzig Jahren schon gesagt. Da waren zwar die Winter noch winterlicher und die Sommer noch sommerlicher, aber es lag trotzdem an den Satelliten. Immer schon.
    Kurt sagt nicht mehr, wie vor vierzig Jahren: „Die Russen sind schuld.“ Seit die Russen keine Kommunisten mehr sind, hat er irgendwie Hemmungen, ihnen die ganze Schuld in die Filzstiefel zu schieben. Dafür hat er jetzt einen anderen Satz, mit dem er sich schlecht fühlen kann. Wenn es zu Weihnachten regnet, lang und ausdauernd, dann stöhnt er: „Mein Gott, wenn das alles als Schnee runterkäme …“

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