Gelesen: Zeit der Zauberer

„Hätte Davos nicht tatsächlich stattgefunden, zukünftige Ideenhistoriker hätten es im Nachhinein erfinden müssen. Bis in kleinste Detail spiegeln sich in diesem epochalen Ereignis die prägende Kontraste der gesamten Dekade. Der jüdische Industriellenspross aus Berlin trifft auf den katholischen Küstersohn aus der badischen Provinz, hanseatische Contenance auf unverblümt-direkte Bäuerlichkeit. Cassirer ist das Hotel. Heidegger die Hütte.“ [25]

1929 kommt es im Rahmen des zweiten Davoser Hochschulkurses zur denkwürdigen Disputation zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger. 

Im gleichen Jahr trifft der Ex-Milliardär und genial-verrückte Denker Ludwig Wittgenstein an der Universtität Cambrige ein. Mit ihm sei Gott ist angekommen, notiert John Maynard Keynes.

Derweil wird der freie Journalist und meist unter prekären finanziellen Verhältnissen lebende Walter Benjamin von seiner Geliebten aus der Wohnung geworfen und muss wieder ins Elternhaus zurückkehren, wo schon seine Ehefrau auf ihn wartet.

Das persönliche Erleben und das je eigene Denken verknüpft sich bei den vier Philosophen zu unterschiedlichem und doch miteinander verbundenen Philosophieren. Die jeweiligen Neuansätze des Denkens haben alle ihren Ursprung in der Katastrophe des 1. Weltkriegs und dem Anfang der Weimarer Republik. So wird die Zeit zwischen 1919 und 1929 zu einer „Zeit der Zauberer“.

Ludwig Wittgenstein zaubert seinen „Tractatus logico philosophicus“, den er schon während des Krieges geschrieben hatte und von dem er meint, dass er sämtlich Probleme des Denkens im Wesentlichen endgültig löst. Nur das Problem, dass sein Werk Wesentlichen kaum zu verstehen ist, hat er nicht gelöst. Selbst den Professoren, die den „Tractatus“ als Dissertation abnehmen wollen, bescheinigt er: „Macht euch nichts draus, ich weiß, ihr werdet das nie verstehen.“ [15]

Ernst Cassirer ist wehruntüchtig und Privatdozent in Berlin. Auf langen Straßenbahnfahrten zwischen seiner Wohnung und der Universität kann er lesen und denken. Auf diese Weise entwirft er den Aufriss seiner „Philosophie der symbolischen Formen“. Der zentrale Gedanke dieses Werkes ist es, dass der menschliche Geist durch seine Äußerungen von den ersten Worten eines Kindes bis hin zur strukturierten Sprache, von einfachen Gebärden bis hin zur Metaphysik zur wahrhaften Innerlichkeit gelangt. Dabei gibt es vielfältige Weisen, „der Welt, in der wir leben, Struktur, Gestalt und Sinn zu verleihen“[129], die untereinander gleichberechtigt sind.

Martin Heidegger muss durch den Krieg seine akademische Laufbahn unterbrechen, auch wenn er nur als Wetterbeoachter zu gebrauchen ist. Große Gedanken treiben ihn schon 1919 um, aber erst 1927 tritt „Sein und Zeit“ ins Dasein. Er hat die Jahre genutzt für die „Freilegung des Sinns einer einzigen Frage: Es ist die Frage nach dem Sein.“ [258] Das Buch umfasst die ersten beiden von ursprünglich sechs geplanten Teilen, die jedoch nie geschrieben wurden. Schon allein das macht deutlich, dass Heidegger lebenslang die Frage nach dem Sein zu beantworten suchte.

Walter Benjamin drückt sich vor einer Einberufung und geht nach Bern. Hier kann er seine Dissertation „Der Begriff der Kunst Kritik in der deutschen Romantik“ schreiben. Aber sein Leben kommt und kommt nicht in ruhige Bahnen. Pläne werden schneller verworfen als sie gefasst sind, er überlegt, nach Israel zu gehen und liebäugelt mit dem Kommunismus. Als Publizist schlägt er sich mehr schlecht als recht durch.

Benjamin und Wittengenstein sind in Davos nicht dabei, aber es ist reizvoll, sich vorzustellen, Benjamin wäre dort Berichterstatter gewesen, während Wittgenstein im gleichen Jahr in Nottingham seinen einzigen akademischen Konferenzauftritt hat.

So disputieren in Davos nur Cassirer und Heidegger und finden „zwei radikal unterschiedliche Antworten auf dieselbe ewige Frage: Worin findet sich das Wesen des Philosophierens? Oder eben: Was ist der Mensch?“ [370]

Was der Philosoph Heidegger will: Werft die Kultur als faulen Aspekt eures Wesens von euch, und versinkt als die grundlos Geworfenen, die ihr seid, jeder für sich immer wieder in den wahrhaft befreienden Ursprung eurer Existenz: dem Nichts und der Angst!“ [370]

„Was der Philosoph Cassirer will: Werft die Angst als schöpferische Kulturwesen von euch, befreit euch in geteiltem Zeichenaustausch von ihren ursprünglichen Engen und Begrenzungen!“ [370]


selbst lesen: Wolfram Eilenberger, Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929, 2018.


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