Angekommen

„… actum in villa quae dicitur Quitilingaburg“, ausgefertigt in dem Ort, der Quitilingaburg genannt wird, so steht es unter einer Urkunde, die Heinrich I. am 22. April 922 schrieb.1Theodor Sickel (Ed), Die Urkunden Konrad I., Heinrich I. und Otto I., 1879, 41.42, https://www.dmgh.de/mgh_dd_ko_i__dd_h_i__dd_o_i/index.htm#page/41/mode/1up

Es ist die erste urkundliche Erwähnung von Quedlinburg. Durch seine zentrale, verkehrsgünstige Lage im Ostfrankenreich und einen „kriegstüchtigen“ Burgberg wurde der Ort damals zur königlichen Pfalz der Liudolfinger und zu einem wichtigen Machtzentrum.

Als Heinrich 936 starb, wurde er in Quedlinburg beigesetzt und seine Frau Mathilde gründete mit Hilfe ihres Sohns Otto I. die Abbatia Quedlinburgensis, das Stift Quedlinburg. Hier lebten fortan hochadelige Frauen. Das Stift war mächtig, reich und politisch einflussreich, eine Mischung aus Kloster, Verwaltung und exklusivem Wohnprojekt. Quedlinburg wurde damit zur inoffiziellen Hauptstadt starker Frauen, lange bevor von Emanzipation die Rede war.

Um das Stift entwickelte sich fortan die Stadt. Während andere Städte ständig niedergebrannt, geplündert oder modernisiert wurden, sammelte Quedlinburg lieber Fachwerkhäuser, heute sind es rund zweitausend aus sechs Jahrhunderten, in allen Schieflagen, die die Statik erlaubt, und in einigen, bei denen der Statiker vermutlich kurz weggeschaut hat. 

Die Jahrhunderte vergingen, und Quedlinburg blieb. Während anderswo Barockfassaden wucherten oder Beton erfunden wurde, hielt man hier an Fachwerk, Pflastersteinen und der Überzeugung fest, dass nichts gerader sein muss, als unbedingt nötig.

Im 20. Jahrhundert wurde es kurz kritisch. 

Die Nationalsozialisten sahen hier die „Wiege des Deutschen Reiches“, Heinrich wurde als „erster Deutscher König“ stilisiert und die Ideologie behauptete eine tausendjährige Kontinuität deutscher Geschichte. Besonders tat sich Heinrich Himmler hervor, der Heinrich als „germanischen Urführer“ verehrte und die Stiftskirche zu einer SS-Weihestätte umbaute.

Den DDR-Sozialisten fehlte es an Mitteln und Willen, die mittelalterliche Stadt zu erhalten. Die friedliche Revolution kam gerade noch rechtzeitig, bevor das alte Quedlinburg verschwunden wäre. Nun wurde die historische Substanz saniert und erhalten und die Stadt zum Welterbe, ein offizielle Ritterschlag für alle schiefen Balken.

So ist Quedlinburg heute eine Stadt, die gleichzeitig Museum, Wohnort und Freilichtkulisse ist. Die Einwohner, zu denen nun auch wir gehören, leben zwischen den Touristen, der Geschichte und der ständigen Möglichkeit, beim Renovieren aus Versehen ein kulturhistorisches Jahrhundert oder einen morschen Balken freizulegen.

Die Decken in den Häusern sind niedrig und die Balken kreuz und quer machen sie stellenweise noch niedriger. Nicht jeder Schrank passt da hinein. Aber alles atmet Geschichte, seit nunmehr eintausend einhundert und drei Jahren.

… actum in villa quae hodie dicitur Quedlinburg, ausgefertigt in dem Ort, der heute Quedlinburg genannt wird, wo ich seit dem 10. Dezember 2025 lebe …

2 thoughts on “Angekommen”

  1. Eine sehr interessante Wortmeldung, lieber Peter. Da die Stadt mit „allen Schieflagen, die die Statik erlaubt, und in einigen, bei denen der Statiker vermutlich kurz weggeschaut hat“ lebt, komme ich zwar immer freudig nach Quedlinburg. Da ich aber ein sehr sensibles Gleichgewichtsorgan habe, wird mir leider dann doch übel. Daher kann ich nie länger dort weilen. Wir freuen uns auf einen Besuch bei Euch, mit der Versicherung, Euch nicht zu lange zu behelligen. Seid herzlich gegrüßt ❤️

  2. Gerne könnt Ihr uns wie bisher besuchen, auch wenn wir jetzt nur noch ein Gästezimmer mit gemeinsamem Bad haben. Für sensible Gemüter würden wir zuvor die Betten mit der Wasserwaage ausrichten, damit sich die Gäste in der Nacht von aller Schiefheit erholen können.

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