Neujahr

„Ihm tun die Beine weh. An der Unterseite, wo die Muskeln liegen, die man selten beansprucht und deren Namen er vergessen hat … Henning hat kein Wasser dabei, und das Fahrrad ist definitiv zu schwer“ [5] und doch quält er sich den Berg hinauf. 

Überhaupt quält er sich in seinem Leben mit seiner Rolle als emanzipierter Mann, der den größeren Teil der Familienarbeit mit zwei Kindern übernimmt. Er quält sich mit seinem Job, der unter der Doppelbelastung leidet. Vor allem sind da die Panikattacken, die ihm die wenige Kraft rauben, die neben Familie und Job bleiben.

Lange ist Henning unterwegs. Seine Kräfte sind am Ende. Gerade eben erreicht er den Gipfel. Aber jetzt setzt die Qual erst richtig ein. Unversehens findet er sich in seiner Kindheit wieder. Zwei traumatische Tage hat er damals durchlebt. Er war noch zu klein, als dass er sich erinnern könnte. Aber jetzt durchlebt er das traumatische Geschehen erneut.

Danach setzt er sich wieder aufs Rad und rast zu Tal. „Ein Film läuft in rasendem Tempo rückwärts, löscht die Auffahrt, die Anstrengung, den Kampf … und alle Gedanken.“ [177] Die erinnerte Vergangenheit ist wie eine Befreiung. Eine Last ist von ihm abgefallen. Das Leben wird ihn weiter fordern, aber nie mehr quälen.

„Der Knoten ist geplatzt. Licht ist ins Dunkel gefallen, das Monster hat seine Sachen gepackt und ist ausgezogen … Er wird seine Kinder lieben, seine Arbeit tun, gute und schlechte Tage haben. Er wird nur noch an normalen Dingen leiden, Erkältungen, Geldsorgen, Streitigkeiten mit seiner Frau. … Alles ist überstanden.“ [189]


selbst lesen: Juli Zeh, Neujahr. Roman, 2018.


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