Besagter Lenz ist da

Das Romanische Café östlich der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Seit 1965 steht dort das Europa-Center.

Im August 1927 zieht Erich Kästner nach Berlin. Hier schreibt er „Emil und die Detektive“ und „Fabian“. Hier wohnt er zunächst in einem preiswerten Pensionszimmer in der Prager Straße in Wilmersdorf. Sein Schreibplatz ist das Café „Carlton“ am nahen Nürnberger Platz. 

Zwei Jahre später floriert Kästners Schreibwerkstatt und er kann sich eine eigene Wohnung in Charlottenburg in der Roscherstraße leisten: drei Zimmer, Balkon, Bad, Innentoilette, Küche, Mädchenkammer, Speisekammer, Einbauschränke, Zentralheizung und Telefon. An der Einrichtung spart er nicht. Für ein Bett aus amerikanischem Nussbaumholz investiert er 400 Mark, denn er führt nicht nur literarisch, sondern auch erotisch ein hyperaktives Leben. Zur Zeit des Umzugs ist es vor allem Margot Schönlank (1907 – 2000), die ihm die Investitionen in das teure Bett rechtfertigt und als Vorlage für die selbstbewusste und vorlaute Pony Hütchen in „Emil und die Detektive“ dient.

Sein Hauptarbeitsplatz wird jetzt das „Romanische Café“ hinter der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.


Erich Kästner (1899 – 1974)
Besagter Lenz ist da (1930)
Gedicht zum Frühlingsanfang 2026

Es ist schon so. Der Frühling kommt in Gang.
Die Bäume räkeln sich. Die Fenster staunen.
Die Luft ist weich, als wäre sie aus Daunen.
Und alles andre ist nicht von Belang.

Nun brauchen alle Hunde eine Braut.
Und Pony Hütchen sagte mir, sie fände:
Die Sonne habe kleine, warme Hände
Und krabble ihr mit diesen auf der Haut.

Die Hausmannsleute stehen stolz vorm Haus.
Man sitzt schon wieder auf Caféterrassen
Und friert nicht mehr und kann sich sehen lassen.
Wer kleine Kinder hat, der fährt sie aus.

Sehr viele Fräuleins haben schwache Knie.
Und in den Adern rollt´s wie süße Sahne.
Am Himmel tanzen blanke Aeroplane.
Man ist vergnügt dabei. Und weiß nicht wie.

Man sollte wieder mal spazierengehn.
Das Blau und Grün und Rot war ganz verblichen.
Der Lenz ist da! Die Welt wird frisch gestrichen!
Die Menschen lächeln, bis sie sich verstehn.

Die Seelen laufen Stelzen durch die Stadt.
Auf dem Balkon stehn Männer ohne Westen
Und säen Kresse in die Blumenkästen.
Wohl dem, der solche Blumenkästen hat!

Die Gärten sind nur noch zum Scheine kahl.
Die Sonne heizt und nimmt am Winter Rache.
Es ist zwar jedes Jahr dieselbe Sache,
doch es ist immer wie zum ersten Mal.

2 thoughts on “Besagter Lenz ist da”

  1. Hallo Peter, danke für das wunderschöne Gedicht. Es passt. Ich sitze aktuell direkt am Meer in Alt-Reddevitz auf Rügen. April Wetter, aber als ich deine Mail öffnete und auf einer Bank sitzend die Zeilen von Kästner las, kam die Sonne raus!!!
    In diesem Sinne einen guten Start in den Frühling! Rainer

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