Chanson vom Montag

Bild Engin Akyurt @ pixabay.com

Mascha Kaléko war Jüdin, Berlinerin, Dichterin. 1907 in Österreich-Ungarn geboren, kam sie zu Beginn des Ersten Weltkrieges mit ihrer Familie nach Deutschland. Ihren ersten großen literarischen Erfolg feierte sie mit dem „Lyrischen Stenogrammheft“ im literarischen Berlin der 1930er Jahre, bis die Nationalsozialisten ihr ein Schreibverbot auferlegten. Mascha Kaléko wanderte kurz vor der Reichspogromnacht 1938 in die USA aus und lebte später mit ihrem Mann in Israel. Typisch für Mascha Kalékos Werk ist ihre Großstadtlyrik, die von einem zugleich ironischen, zärtlichen und melancholischen Ton geprägt ist. Besonders ihre Exilwerke thematisieren die Flucht vor dem nationalsozialistischen Regime und spiegeln die emotionalen Erfahrungen politischer Vertreibung wider, die aus der antisemitischen Ideologie der Nationalsozialisten resultierten.


Mascha Kaléko (1907 – 1975)
Chanson vom Montag (um 1931)
Gedicht für alle Montage

Montag hat die Welt noch kein Gesicht,
Und kein Mensch kann ihr ins Auge sehen.
– Montag heißt: schon wieder früh aufstehen,
Training für das Wochen-Schwergewicht.

Und die Bahnen brausen, das Auto kläfft,
Die Arbeit marschiert in den Städten.
Alle Straßen hallen wider von Betrieb und von Geschäft,
Und die Riesensummen wachsen in ein unsichtbares Heft,
– Doch nie in das Heft des Proleten.

Schlagerlied vom Sonntag noch im Ohr,
Denkt man ungern an Bürogehälter.
– Montag hat ein kleiner Angestellter
Mittags Krach und abends gar nichts vor.

Nur der Motor rasselt, der Hammer dröhnt.
Der Werktag kutschiert ohne Pause.
Theater locken. Der Luxus höhnt,
Doch man ist ja längst an Verzichten gewöhnt.
– Wer kein Geld hat, bleibt brav zu Hause.

Montags gähnt sogar das Portemonnaie,
Und es reicht noch grad für die Kantine.
Spät nach Ladenschluß geht man mit Duldermiene
Resigniert vorbei am Stammcafé.

Und die Stunden laufen, der Tag verweht,
Müde hockt man in seinen vier Wänden.
Und dann kommt man ins Denken – wie das so geht …
Man findet die Zeiten ein bißchen verdreht,
Und man fragt sich: wie wird das wohl enden?

Montag ist das Stiefkind des Kalenders,
Düstrer Woche grauer Korridor,
Höchster Mißklang in der Tage Chor,
Strengster Ruhetag des Freudespenders.

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