Der Kaiser versprach, alles zu erfüllen

Urkunde von Otto I. über die Gründung des Quedlinburger Stiftes am 13. September 936

Mathilde überlebte ihren Mann König Heinrich um 32 Jahre. Sie stirbt 968 und wird an seiner Seite bestattet. Zuvor hatte sie zahlreiche geistliche Gemeinschaften gegründet. Ihre letzte Stiftung war das Kanonissenstift in Nordhausen. 

Das hatte nach ihrem Tod ein Nachspiel. Im Jahr 972 sehen die frommen Damen in Nordhausen den Bestand ihres Stifts bedroht. Grund dafür ist Mathildes Enkel Otto II., der neue König. Er hatte die byzantinische Prinzessin Theophanu geheiratet und in der Heiratsurkunde stand auch, dass ihr Nordhausen zugeeignet werden sollte.

Das wollten die Stiftsdamen in Nordhausen um jeden Preis verhindern. Sie greifen zur Feder und schrieben eine Lebensgeschichte ihrer Gründerin Mathilde, um ihren Enkel zu bewegen, die Übertragung an Theophanu zu überdenken. Dabei deuteten sie die Geschichte in ihrem Sinn und reichern sie mit alternativen Fakten an1Wer es historisch korrekter wissen möchte, lese: Katrinette Bodarwé, Heinrich, Mathilde oder Otto – Wer gründete das Stift Quedlinburg?, in: Stephan Freund | Gabriele Köster (Ed), 919 – Plötzlich König. Heinrich I. und Quedlinburg, Schriftenreihe des Zentrums für Mittelalterausstellungen Magedeburg 5, 2019, 181-193.:

Die Stiftsdamen in Nordhausen mahnen Otto II., nicht den gleichen Fehler zu begehen wie zuvor sein Vater Otto I., der sich mit seiner Mutter Mathilde heftigst über deren Einfluss gestritten hätte. Dabei soll es vor allem um die Verfügung über die Stifte und Klöster gegangen sein. Otto hätte in diesem Streit kurzerhand das Stift Quedlinburg gegründet, um Mathildes Verfügungsgewalt über die Güter zu beschneiden. So wollte Otto verhindern, dass Mathilde weiter fromme Werke – Speisung von Armen, Unterstützung von Pilgern und Versorgung der Klöster – möglich waren. Schließlich er soll Mathilde sogar gezwungen haben, Quedlinburg zu verlassen. Für Otto hätte das schlimme Folgen gehabt, Gott selbst zürnte ihm und habe ihm sein Glück als König und Kriegsherr entzogen. Schließlich soll Ottos Frau Edgith eingegriffen haben und Otto habe sich schließlich bei Mathilde untertänigst entschuldigt.

Zwanzig Jahre später habe Mathilde schließlich bewirkt, dass Otto ihr verspricht, das Stift Nordhausen auf Dauer zu erhalten und zu finanzieren:

„‚Mein theuerster Sohn, präget achtsam alles eurem Gedächtniß ein, was wir an diesem Orte eurer Treue anempfohlen. Hier haben mir uns oftmals in Freude befunden, hier hat Gott uns aus der Gefahr des Gebärens errettet. In dieser Stadt haben wir euren Bruder Heinrich zur Welt gebracht …; auch eure Schwester Gerbirg ist hier geboren worden. Und weil wir durch Vermittlung der heiligen Jungfrau Maria in dieser Ortschaft den Geburtsnöthen zweimal entgangen sind, so haben wir dieses Kloster ihr zu Ehren gegründet und insbesondere … zum Seelenheil eures Vaters und Bruders und zu eurer eignen Wohlfahrt. Deshalb ziemt es sich, daß so oft ihr euch hieran erinnert, ihr auch den hier Wohnenden um unsertwillen desto größere Zuneigung bewähren möget.‘ … Tief gerührt versprach der Kaiser alles zu erfüllen, was sie verlangt.“2Das Leben der Königin Mathilde [übersetzt von Philipp Jaffé], 1858, 38; lateinisches Original: Bernd Schütte, Die Lebensbeschreibungen der Königin Mathilde, Monumenta Germaniae Historica, SS rer. Germ. 66, https://www.dmgh.de/mgh_ss_rer_germ_66.

Die tendenziöse Deutung der Geschichte durch die Nordhäuser Stiftsdamen erreicht ihren Zweck. Auch der Enkel Mathildes Otto II. erhält das Stift … und weil es mit dem Ermahnen des aktuellen Königs durch die fromme Mathilden-Geschichte so gut geklappt hat, greifen die Schreiberinnen dreißig Jahre später noch einmal zur Feder und überarbeiten die Lebensbeschreibung im Blick auf den neuen König Heinrich II. und wieder haben sie Erfolg. Das Stift blieb erhalten.

Mathilde und ihre Lebensbeschreibungen haben Geschichte geschrieben, auch wenn hier und da geflunkert wurde. Aber es bleibt festzuhalten: Mathilde war eine außergewöhnliche Frau. Sie wusste sich durchzusetzen und hat sichtbare Spuren hinterlassen.

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