Die Holländerinnen

Kris Kremers (21) und Lisanne Froon (22), zwei junge Frauen aus den Niederlanden reisen im Jahr 2014 nach Panama. Am 15. März startet ihre Reise und vierzehn Tage später kommen sie nach Boquete, einer kleinen Stadt im Landesinneren. Von dort brechen sie am 1. April zu einer Wanderung auf. Sie wollen den Pianista Trail gehen, einen beliebten, aber anspruchsvoller Wanderweg. Man geht den Weg bis zum Gipfel El Mirador und dann wieder zurück. Dabei durchquert man mystischen Nebelwald und schmale Schluchten, bevor man vom Gipfel aus mit etwas Glück nicht nur den Dschungel überblicken, sondern sowohl den Atlantik als auch den Pazifik sehen kann. 

Am Mittag erreichen die Frauen den Gipfel. Sie sind gut gelaunt, machen Selfies, wirken unbeschwert. Dann gehen sie aber nicht den Wanderweg zurück, sondern steigen vom Gipfel tiefer in den Dschungel. Was danach geschehen ist, ist bis heute ein Geheimnis.

Als die Frauen nach zwei Tagen noch nicht zurückgekehrt sind, startet eine großangelegte Suchaktion, doch es findet sich keine Spur von den Vermissten Suchteam findet keine Spur. Nach zwölf Tagen wird die Suche eingestellt.

Zehn Wochen später findet einen eine Frau einen Rucksack der Frauen. Daraufhin wird die Suche wieder aufgenommen und in den folgenden Wochen werden Leichenteile der Vermissten gefunden. Nun ist klar, die jungen Frauen haben die Wanderung nicht überlebt.

Was aber geschehen ist, ist bis heute ungeklärt, jedoch Anlass für zahlreiche Spekulationen. Dabei spielen die die im Rucksack gefundenen Mobiltelefone und die Bilder auf der Digitalkamera der Frauen eine besondere Rolle. Alle Bilder und Daten sind im Internet frei zugänglich.

Die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger das Geschehen zum Anlass genommen, einen Roman zu schreiben. Für dieses Buch hat sie 2025 den Deutschen Buchpreis erhalten.


„Man stellt sie vor als bedeutende Erzählerin, als eine der wichtigsten Stimmen der Zeit“ [9]. Sie zu ist einem Vortrag eingeladen. „Ihr ursprünglicher Plan sei es gewesen, einiges über die Prämissen und Methoden ihrer Arbeit zu sagen …  Aber obwohl sie genau dies in der vergangenen Jahrzehnten wiederholt getan habe …, sei ihr nun jede einigermaßen klare Bestimmung ihrer Arbeit, jede sichere Feststellung ihr Schaffen betreffend unmöglich geworden.“ [9] Sie habe aber den Vortrag nicht absagen wollen sondern wolle über ihren letzten unvollendeten Text sprechen. 

„Im Januar vor drei Jahren, sagt sie, habe sie der Anruf eines Theatermachers erreicht, dessen Name ihr zwar ein Begriff gewesen, dem sie aber bis dahin selbst nie begegnet sei. In Interviews und Gesprächen habe er sich oft auf Arendt bezogen, auf Arendt, auf Adorno und einige französische Soziologen.“ [12]

Der Theatermacher möchte ein neues Stück inszenieren, „es handle sich um die Rekonstruktion eines Falls, ein schwieriger, tragischer Stoff, den er sich zurzeit als ein Art tropische Passion vorstelle, als Referenz auch auf Herzog, auf Coppola“ [12] Im Dschungel von Panama solle dafür mit einer Gruppe, der auch die Erzählerin angehören soll, das Material gesammelt werden.

Sie macht sich auf. Mit dem Flugzeug, dem Taxi, dem Bus und schließlich dem Boot und zu Fuß kommt sie im Urwald von Panama und in der Theatergruppe an. Sie habe von Beginn an eine Gefahr wahrgenommen …

… Schließlich sei sie zurückgekehrt. „Ein Taumel befällt sie, ihr Gang verliert an Sicherheit. Mit schwindligen Augen sucht sie torkelnd den Himmel ab, als käme etwas von dort auf sie herunter. Dann sieht sie, wie sich weit vor ihnen eine schimmernde Öffnung in der Luft anzeigt, ein, ein Spalt, ein flimmerndes, instabiles Portal.“ [152]


Zwischen der Ankunft im Dschungel und der Rückkehr ist die Gruppe auf dem Weg der verschollenen Holländerinnen unterwegs. Eine Vielzahl verstörender Geschichten wird erzählt. Dabei sind Bezüge zu Denkern und Künstlern, Kinofilmen und Kriminalgeschichten mit fiktiven Geschichten verwoben. Nicht der Geschichte der ums Leben gekommenen Frauen wird nachgegangen, sondern der Leser gerät in ein literarisches Dickicht, das ebenso undurchdringlich ist, wie der Urwald. 

Die meisten Rezensenten – und die Jury des Deutschen Buchpreises – sind begeistert. Ich halte es eher mit der Meinung von Nadine Brügger: „Elmigers Versuchsanordnung, Hörensagen als Prosa, ist interessant, misslingt aber auf weiten Strecken. Denn das Nacherzählen von Grenzerfahrungen aller Art ist mit zu vielen Referenzen, Hommagen und Symbolen gespickt. Zudem ist der gesamte Text ebenso konsequent wie umständlich in indirekter Rede gehalten.“1Nadine Brügger, Vor elf Jahren verschwanden zwei junge Frauen im Dschungel von Panama. Dorothee Elmiger hat ihre Geschichte ausgegraben, Neue Züricher Zeitung, 19.8.2025, https://www.nzz.ch/feuilleton/di-hollaenderinnen-von-dorothee-elmiger-ld.1897472. Nicht nur die Holländerinnen sind schließlich im Dschungel ums Leben gekommen, auch der Leser wird an die Grenzen des Erträglichen geführt. Aber davor warnt bereits der Klappentext des Buches:

„Wer diesen Text betritt, fällt in den Abgrund unserer Welt und blickt mit aufgerissenen Augen in die Finsternis.“


selbst lesen: Dorothee Elmiger, Die Holländerinnen. Roman, 2025.


 

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