Ein Märchen von Banalität und Bösem1siehe: Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. A Report on the Banality of Evil, 1963; deutsch: Hannah Arendt, (Übersetzung: Brigitte Granzow), Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, 1964.
Behringer und Hans sitzen in einem Café, als plötzlich ein Nashorn auftaucht. Behringer bleibt gelassen, bis ein zweites Nashorn erscheint und eine Katze tötet. Am folgenden Tag erscheint die Frau eines von Behringers Kollegen, verfolgt von einem Nashorn, in dem sie ihren Mann erkennt. Das Nashorn dringt ins Haus ein und zerstört die Treppe. Die Feuerwehr rettet die Menschen und Behringer besucht Hans, der sich gerade in ein Nashorn verwandelt und ihm droht, ihn zu zertrampeln.
Behringer flüchtet in seine Wohnung. Dort besucht ihn sein Kollege Stech und versucht ihn von der Friedlichkeit der Nashörner zu überzeugen …
Nach und nach werden alle Menschen zu Nashörnern. Anfangs reagieren die Menschen schockiert, doch schon bald wird die Verwandlung als normal oder sogar bewundernswert angesehen. Freunde, Kollegen und schließlich auch Behringers engste Vertraute schließen sich der neuen Mehrheit an. Schließlich bleibt Behringer als einziger Mensch zurück, der sich weigert, seine Menschlichkeit aufzugeben.
Im Hebräischen hat sich aus dieser Erzählung von Eugène Ionesco2Eugène Ionesco (1909 – 1992), Rhinocéros (1957 Erzählung, 1958 Stück); siehe Eugène Ionesco (Übersetzung Claus Bremer), Die Nashörner, 2009. das Verb לְהִתְקַרְנֵף [lehitkarnef] – rhinozerosieren – abgeleitet. Es wird als feststehende Metapher dafür genutzt, wenn sich Menschen der Masse anschließen, die eigene kritische Meinung aufgeben und sich einem autoritären System anpassen; Missstände, Unrecht oder die Zerstörung demokratischer Werte wird von rhinozerosierten Menschen gleichgültig hingenommen.
Itamar Gov (*1989), geboren in Tel Aviv, hat ein übergroßes Nashorn – 9 Meter hoch, 16 Meter lang und 7 Meter breit, weiß und aufgeblasen – nun nach Sachsen-Anhalt gebracht. Nacheinander in Magdeburg, Halle, Salzwedel, Dessau und Zeitz füllt es nun Räume. Ein weißes Rhinozeros steht im Raum.
Fast fünfhundert Jahre ist es her, dass das erste Nashorn ins Abendland kam.3zur Vorgeschichte siehe: Mathsy Ryhiner, Zur Kulturgeschichte des Rhinozeros, in: Du. Schweizerische Monatsschrift 1952, 66-69, https://rhinoresourcecenter.com/wp-content/uploads/2006/12/1366460728.pdf. Der Sultan von Gujarat Muzaffar Shah II. hatte es dem portugiesischen Gouverneur Afonso de Albuquerque geschenkt. Der brachte es dem portugiesischen König Manuel I. nach Lissabon und dort wurde das Nashorn im Jahr 1515 zur Sensation. Schließlich kam Manuel I. auf die Idee, das Tier Papst Leo X. zu schenken. Auf dem Seeweg wurde es nach Rom eingeschifft.
Ein unbekannter Künstler fertigte zuvor von dem Tier eine Zeichnung an, außerdem kursierten Augenzeugenberichte. Die Zeichnung und die Berichte gelangten nach Nürnberg zu Albrecht Dürer, der daraus den Holzschnitt „Rhinoceros“ schuf. Sein Bild hatte wie das Tier ein Nasenhorn und faltige Haut, erhielt aber eine plattenartige Rüstung mit Nieten und ein kleines, zusätzliches Horn im Nacken. Dadurch wirkt es wie eine Mischung aus realem Tier und Fabelwesen.
Itamar Gov verbindet in seiner Installation die Erzählung von Eugène Ionesco mit der Metapher des Nashorns: Es sieht schlecht, wird aber schnell agressiv, wenn es das Geschehen um sich herum nicht richtig verstehen kann. Es wirkt schwerfällig, kann aber mit einer Geschwindigkeit von bis zu fünfzig Kilometern pro Stunde auf den vermeintlichen Feind losgehen. Diese Ambivalenz kommt auch im das Rhinozeros umgebenden Klangteppich zum Ausdruck, in dem die gruselige Geschichte vom Erlkönig4Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832, Erlkönig (1782), in: Hamburger Ausgabe 1, 154.155, siehe auch: https://projekt-gutenberg.org/authors/johann-wolfgang-von-goethe/books/gedichte-ausgabe-letzter-hand/chapter/110/. musikalisch mit dem hebräischen Schlaflied התרגעות [hitragut, deutsch: seelische Ruhe, Entspannung]5Text hebräisch und englisch: https://lyricstranslate.com/de/hitrag-ut-התרגעות-relaxation.html. verbunden ist.
Am 13. September, eine Woche nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wird das „Rhinoceros in the Room“ das letzte Mal zu sehen sein. Dann wird die Luft aus ihm herausgelassen. Auch das Nashorn von Lissabon war im Januar 1616 das letzte Mal zu sehen. Das Schiff, das es nach Rom bringen sollte, geriet in einen schweren Sturm und sank und das Tier ertrank.

