„Die Mauer war doch richtig“

„‚Warum haben die Leute sich das gefallen lassen?‘ ‚… warum haben die Leute nichts gegen den Mauerbau gemacht?“ [7] So fragt Fabian, Jahrgang 2002, bei einem Besuch in der Mauergedenkstätte Bernauer Straße. Diese Frage möchte Robert Rauh beantworten.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass es im August 1961 weder massenhaften Widerstand, noch Streiks oder nennenswerte öffentliche Proteste gegen den Mauerbau gab und das einschneidende Ereignis von den meisten Menschen hingenommen wurde.

Auf der Grundlage von Akten der SED, der Staatssicherheit und anderer Sicherheitsorgane der DDR sowie unter Verwendung zeitgenössische Berichte und Zeitzeugenaussagen möchte Rauh ein differenziertes Bild der damaligen Stimmungslage zeichnen. Zentral für das Buch ist eine 60 Jahre nach dem Mauerbau von Rauh selbst durchgeführte Befragung von 600 Zeitzeugen, wobei er darauf hinweist, „dass die Ergebnisse keinen Anspruch auf historische Wahrheit erheben … und … methodisch anfechtbar“ [138] sind.

Das Buch fasst zunächst die Ereignisse um den 13. August zusammen und stellt dabei heraus, dass die Machthaber in der DDR und in der Sowjetunion auch mit Widerstand der Bevölkerung in der DDR gerechnet haben, der dann aber weitgehend ausblieb.

Im Detail geht Rauh auf vier Gruppen der DDR-Gesellschaft ein. 

  • Die Arbeiter gingen überwiegend wie gewohnt an ihre Arbeit. Es gab nur vereinzelt Proteste und Arbeitsniederlegungen. Auch, dass „Grenzgänger“ nun ihren Arbeitsplatz nicht mehr erreichen konnten, führte nur zu einige „Provokationen“.
  • Die Jugend war die Gruppe, aus der der größte Widerspruch gegen den Mauerbau kam. „Ihr Protest war mutiger und massiver als der anderer Bevölkerungsgruppen“ [61] oder er kam durch Flucht in den Westen zum Ausdruck.
  • Die Wissenschaftler standen schon vor dem 13. August oft in einem kritischen Verhältnis zur SED-Führung. Der Mauerbau unterband den internationalen wissenschaftlichen Austausch und den Zugang zu westlichem Geräten, Materialien und Medikamenten. Dennoch opponierte nur eine Minderheit der Wissenschaftler, während andere Ergebenheitserklärungen abgaben.
  • Die Künstler stimmten überwiegend dem Mauerbau zu. „Keine Bevölkerungsgruppe zeigte mehr Loyalität gegenüber der Regierung als die ‚Kulturschaffenden‘ der DDR.“ [96]

Rauh belegt seine Position mit einer Reihe von einzelnen Ereignissen, Berichten und Äußerungen. Es bleibt jedoch offen, ob damit ein umfassendes Bild von der Stimmung in der Bevölkerung gezeichnet wird. Zu erkennen ist jedenfalls, dass es in der DDR nur sehr vereinzelt Widerstand gegen den Mauerbau gab. 

Rauh unternimmt vier Erklärungsversuche.

  • Nach den Erfahrungen des 17. Juni 1953 hatten die Menschen Angst, sich gegen den Mauerbau und die DDR-Regierung aufzulehnen. Angesichts von Repressionen bis hin zur Strafverfolgung war diese Angst berechtigt.
  • Die Menschen gingen davon aus, dass die Grenzschließung nur vorläufig ist. 
  • Ein Teil der Bevölkerung war vom Mauerbau nur wenig betroffen. Für sie standen die Versorgungsprobleme eher im Vordergrund.
  • Schließlich gab es viele Menschen, die den Mauerbau befürwortenden. Diesen Erklärungsversuch belegt Rauh mit einer Umfrage, die ergab, dass 54 Prozent der befragten Zeitzeugen der Meinung waren, der Mauerbau sei damals richtig gewesen. 

Der provokante Titel ist dabei nicht als Rechtfertigung der Mauer gemeint. Vielmehr will Rauh aufdecken, wie vereinfachend spätere Erinnerungskulturen mit der Geschichte umgehen.

Insgesamt wirft Rauh einen nüchternen Blick auf die damaligen Handlungsspielräume der Menschen in der DDR und macht deutlich, dass Zustimmung, Ablehnung, Angst und Anpassung oft gleichzeitig existierten. Seine Erkundungen, können Anstoß sein, das Geschehen um den 13. August 1961 genauer auch in seiner Komplexität und Widersprüchlichkeit zu betrachten. Insofern ist sein Buch ein Denkanstoß ohne den „Anspruch auf historische Wahrheit“ [138].


selbst lesen: Robert Rauh, „Die Mauer war doch richtig“. Warum so viele DDR-Bürger den Mauerbau widerstandslos hinnahmen, 2021.1siehe auch: https://robert-rauh.de/bucher/die-mauer-war-doch-richtig/


 

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