Mathilde mit ihrem Ehemann Heinrich1Detail aus der Verwandtschaftstafel der Ottonen, Chronica St. Pantaleonis, 2. Hälfte 12. Jahrhundert
Die 13-jährige Mathilde lebte im Klosterstift Herfort: „Schön war sie von Angesicht, lieblich in ihrer Kindlichkeit, werkthätig, sittsam, demuthsvoll, freigebig und, zumal bei solcher Jugend, durch Gunst der himmlischen Gnade so hoher Lobsprüche werth, daß nichts darüber ging.“2Das Leben der Königin Mathilde [übersetzt von Philipp Jaffé], 1858, 7; lateinisches Original: Bernd Schütte, Die Lebensbeschreibungen der Königin Mathilde, Monumenta Germaniae Historica, SS rer. Germ. 66, https://www.dmgh.de/mgh_ss_rer_germ_66.
Mathilde wurde um 896 geboren. Sie stammte aus hohem Adel, ihr Vater war Nachkomme des Sachsenherzogs Widukind. Schon als Kind wurde sie zur Erziehung zu ihrer Großmutter, die dort Äbtissin war, nach Herfort gegeben.
Adelige sächsische Töchter erhielten dort eine standesgemäße Ausbildung. Sie lernten lesen und schreiben und all das, was für eine angemessene Ehe nötig war. Insofern war so ein Klosterstift auch eine Art Heiratsmarkt.
So wurde auch der 20 Jahre ältere sächsische Herzog Heinrich auf sie aufmerksam. Er reise im Jahr 909 nach Herfort und ließ sich Mathilde vorstellen. „Da trat sie hervor, auf den schneeigen Wangen mit der Flamme der Röthe übergossen; und als wären glänzende Lilien gemischt mit roten Rosen: solche Farben bot sie auf ihrem Angesicht.“3ebd.
„Als Heinrich sie erblickte und die Erscheinung frisch empfand, heftete er sein Auge auf die Jungfrau, so sehr von Liebe zu ihr entzündet, daß das Verlöbnis keinen Aufschub erlitt.“4aaO 8. Der auf den ersten Blick verliebte Heinrich fackelte nicht lange und nahm am nächsten Morgen Mathilde mit sich nach Quedlinburg. Bis sie dieses Ziel erreichten, hielt Heinrich es aber nicht aus und so wurde bereits unterwegs in Wallhausen die Ehe vollzogen.
Zehn Jahre später war Heinrich König. Mathilde hatte da schon ihre Aufgabe, für Nachfahren zu sorgen, erfüllt; 912 waren ihr Sohn Otto und 913 und um 916 die Töchter Gerberga und Hadwig geboren, um 920 und 925 kamen noch die Söhne Heinrich und Brun hinzu.
Neben ihrer Rolle als Mutter übernahm sie die Aufgabe, ihren Ehemann zu beraten und – wenn er gar zu streng regierte – ihn zu besänftigen. Zudem förderte sie die Frömmigkeit und Barmherzigkeit. Sie spendete für Kranke und Bedürftige und engagierte sich für die Schwachen. Zudem sorgte sie dafür, dass für die Lebenden und Toten gebetet wurde.
Das Gebet hatte Heinrich auch sehr nötig, denn immer wieder griffen die Ungarn sein Reich an, plünderten Dörfer, Kirchen und Klöster und zogen brandschatzend und mordend durchs Land. Doch 933 gelang es Heinrich, die Ungarn zu besiegen. Die Gebete waren erhört worden.
Der König war auf dem Höhepunkt seiner Macht und wollte nun auch seinen Nachlass regeln, insbesondere die Versorgung seiner Frau sichern. Er übertrug ihr Quedlinburg und eine Reihe von anderen Gütern. Mathilde hatte nun ausgesorgt. Als seinen eigenen und alleinigen Nachfolger bestimmte er seinen Sohn Otto; das Reich sollte nicht mehr – wie bisher üblich – geteilt werden. 936 stirbt Heinrich und wird in Quedlinburg begraben.
Mathilde überlebt ihn 32 Jahre. Sie stirbt 968 und wird an seiner Seite bestattet. Zuvor hatte Mathilde auf zahlreiche geistliche Gemeinschaften gegründet. Ihre letzte Stiftung war das Kanonissenstift in Nordhausen … aber diese Geschichte wird demnächst erzählt.

Lieber Peter,
vielen Dank dafür, dass ich Deine Newsletter erhalte. Ich war in den 80er Jahren das letzte mal Quedlinburg. In den 0-er Jahren musste ich mich beruflich u.a. etwas mit dem späten Mittelalter 10.-15. Jh. beschäftigen. Damals wie heute finde ich es besonders im lokalhistorischem Zusammenhang wichtig zu erkunden in welchem Ort man lebt. Zu erfahren welchle Ereignisse und Personen die Orte prägten und bis heute, wie Mathilde nach wirken. Sehr interessant.
Danke
Bernd
Vielleicht schreibe ich gelentlich noch etwas zu den früheren Beiträgen.
Lieber Peter, sehr interessant! Danke. Mit 13 Jahren von eben auf jetzt, mit einem 33 Jährigen verheiratet und geschwängert zu werden, muss schon ein Schock sein. In Deiner Geschichte muss sie ja trotz dieser Traumatisierung eine selbstbewusste Frau geworden sein. Weiß man denn etwas von ihren Überzeugungen und Werten? Herzliche Grüße von Martina Weyrauch
Ich denke, Mathildes Leben muss im Kontext ihrer Zeit verstanden werden.
In der römischen Antike und im frühen Mittelalter waren Mädchen ab 12 und Jungen ab 14 Jahren heiratsfähig. So legte es auch die Kirche im Corpus Iuris Canonici (CIC) fest; erst 1917 wurde im CIC die Ehemündigkeit für Mädchen auf 14 und Jungen auf 16 Jahre angehoben. Die Zivilehe nach dem deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) war bis 1974 Frauen bereits ab 16 Jahren – Männern ab 21 – erlaubt. Zwischen 1974 und 2017 war es unter bestimmten Voraussetzungen für Männer und Frauen möglich, bereits mit 16 Jahren zu heiraten. Erst danach wurde die Ehemündigkeit auf 18 Jahre festgesetzt.
Da das genaue Geburtsdatum vom Mathilde nicht bekannt ist, könnte sie bei ihrer Eheschließung im Jahr 909 auch schon 14 Jahre alt gewesen sein. Ihr erstes Kind Otto bekam sie am 23. November 912; da war sie ungefähr 16 Jahre alt.
Über Mathilde sind wir vor allem durch die beiden Mathildenviten, die ältere wurde zwischen 973 und 975 und die jüngere nach 1002 geschrieben, informiert. Diese folgen einem bestimmten Interesse und sollten daher kritisch gelesen werden. Allerdings wurde die ältere Vita geschrieben, als noch viele Zeitzeugen lebten; sie wird entsprechend auch nicht zu sehr von den wirklichen Ereignissen abweichen.
Durchgehend wird Mathilde als über die Maßen fromme, barmherzige und großzügige Frau beschrieben:
„Mathilde … ließ sich … von ihrer Neigung zum Dienste Gottes lenken. Stets unterthan dem Herrn, den Lehren der Priester folgend, gab sie sich eher Christus als dem Ehebund zu eigen. Zur Nachtzeit schlich sie verstohlen aus des Königs Nähe und bewies durch eifriges Beten mehr Liebe zur Kirche als zu des Gatten Lager“ [Das Leben der Königin Mathilde (übersetzt von Philipp Jaffé), 1858, 9.10] … oder war es vielleicht weniger die Liebe zu Christus als die Ansprüche Heinrichs, die sie sein Lager fliehen ließen?
Auch wird berichtet, dass sie in Werken ihre Liebe zur Christus an den Tag legte. Sie bewirkte, dass ihr Mann zum Tode Verurteilte begnadigte. Sie ließ den Klöstern unzählige Geschenke zukommen und gründete neue Klöster. „Nach dem Tode des verehrten Heinrich … führte die Königin ein so tugendreiches Witthum, daß kaum Wenige beiderlei Geschlechts ihr nachzukommen vermöchten. Denn sie war von weiser Besonnenheit, den Guten zugethan, den Hoffährtigen gram, reichlich Almosen spendend, dem Gebet ergeben, gütig gegen alle Darbenden“ [aaO 12]. Ihre „rühmlichen Handlungen“ würden „ein unermeßliches Buch füllen“ [aaO 15. Sie sorgte für die Klöster, war allen Mangelleidenden hold, speiste die Armen zweimal täglich, kümmerte sich um Pilger, und gab Kleider an die Bedürftigen ab. Auch von prophetischer Gabe und Wundertätigkeit wird berichtet …
Insofern wird Mathilde auch in ihren Werten eine Frau ihrer Zeit gewesen sein, die sich durch Gebete und fromme Werke ihr Seelenheil sichern wollte. Für die Werke hatte Heinrich ihr ein beträchtliches Vermögen überlassen, das sie offensichtlich auch gegen die Ansprüche ihres Enkels zu verteidigen wusste.