Unorthodox

Deborah Feldman wurde 1986 geboren und wuchs in der ultraorthodoxen, chassidischen Gemeinde der Satmarer im New Yorker Stadtteil Williamsburg auf. 

Der Holocaust, so lehren die Satmarer Rabbiner, ist die Strafe Gottes für die Assimilation der Juden. Nur das Leben nach den Gesetzen ist gottgefällig und kann einen neuen Holocaust verhindern. Die Gründung des Staates Israel ist eine große Sünde, denn nur der Messias kann die Juden wieder sammeln.

Entsprechend leben Männer und Frauen weitgehend getrennt. Das Studium der heiligen Schriften steht über allem. Fernsehen, Internet und weltliche Bücher gelten als schädlich. Gesprochen wird Jiddisch. Kontakte zur Außenwelt werden so weit als möglich vermieden. Die Satmarer haben eigene Schulen, sogar einen eigenen Rettungsdienst. Ehen werden durch Heiratsvermittler arrangiert. Sexualität gibt es nur unter strengen Regeln in der Ehe, darüber spricht man nicht. Andererseits ist eine möglichst große Zahl von Kindern wichtig, so dass die chassidischen Gemeinden enorm wachsen, was als Rache an Hitler verstanden wird.

In ihrem Buch beschreibt Deborah Feldmann ihre Kindheit und Jugend unter den Satmarern.


Mein Tati, mein Vater ist anders. Ich sehe ihn nur alle paar Wochen. Meine Mutter ist nicht mehr da; wie ich später herausfinde, wurde sie aus der Gemeinde vertrieben, weil sie lesbisch ist. So lebe ich bei meinen Großeltern Bubby und Zeidi.

„Als ich klein war, das weiß ich noch, hat meine Mutter mir aus Büchern vorgelesen, bevor ich einschlief … In Bubbys Haus sind die einzigen vorhandenen Bücher Gebetbücher. Bevor ich schlafen gehe, sage ich das Schma-Jisrael-Gebet auf. 

Ich würde gern wieder Bücher lesen“ [16], aber bei uns spricht man nur Jiddisch und mein Englisch ist nicht gut. Aber wie soll ich an Bücher kommen? Da entdecke ich eine Bibliothek in einem weiter entfernten Stadtviertel. Später kaufe ich mir heimlich Bücher, die ich im Bett verstecke.

In unserer Satmar-Gemeinde ist alles streng. Der Holocaust gilt als Strafe Gottes an den Juden für deren Assimilierung. Dass die Frauen viele Kinder bekommen, gilt als Rache an Hitler, der die Juden ausrotten wollte. Damit Gott nicht wieder strafend eingreift, gilt es die Gebote in strengster Form zu befolgen. In der Schule wird nur der notwendigste profane Stoff gelehrt. Vieles gilt als Sünde. Das merke ich manchmal, wenn ich zu viel wissen will:

„‚Bubby, was bedeutet virgin?‘ Bubby blickt zu mir … herüber. ‚ wo hast du dieses Wort aufgeschnappt?‘, fragt sie. Ich nehme ihren geschockten Gesichtsausdruck war, bemerke, dass ich etwas Schlimmes gesagt habe, und gebe vor Angst stotternd zur Antwort: ‚Ich w-w-weiß nicht, Bubby …‘ ich drehe die Olivenölflasche um, so dass das Etikett zur Wand zeigt.“ [36]

Als ich siebzehn bin, wird nach einem Mann für mich Ausschau gehalten. Eine Ehestifterin ist dafür zuständig. Irgendwann treffen sich unsere Familien und ich darf mit meinem zukünftigen Mann ein paar  Minuten allein reden. Ein oder zwei Mal sehe ich ihn noch vor der Hochzeit. Wir werden verlobt und ich gehe zum Hochzeitsunterricht, lerne, dass Frauen jeden Monat zwei Wochen unrein sind, in denen sie ihr Mann nicht berühren darf, und welche teils entwürdigenden Regeln eine Ehefrau beachten muss. In der letzten Stunde erklärt mir die Heiratslehrerin, dass ich eine Mekor habe, die Quelle, ein Puzzleteil in meinem Körper, das mit einem Puzzleteil eines Mannes zusammenpasst.

„Die Vorstellung, dass ich mich nun für den Rest meines Lebens permanent einem Bereich meines Körpers zu stellen hatte, über den ich nie zuvor nachgedacht hatte …, stand in hartem Widerspruch zum keuschen Lebensstil, die wie ich ihn zuvor geführt hatte … und mein Körper rebelliert nun gegen diesen Wandel. Diese Rebellion sollte mich bald mein Glück kosten und den ersten Samen der Zerstörung säen, die letztlich meine Ehe in Fetzen riss.“ [226]

Zudem wird das Problem, dass mein Mann und ich „es“ in der Hochzeitsnacht und in den Wochen danach nicht zu Ende bringen können, zum Gesprächsthema in der Familie. Ich werde krank, gehe von Arzt zu Arzt, bis „es“ endlich klappt und ich zudem gleich schwanger werde.

Ich überlege, wie ich unsere Lebenssituation ändern kann. Ich mache den Führerschein, wir ziehen in ein anderes Stadtviertel … und dann wird mein Sohn Isaac geboren.

Mit meiner Ehe wird es nicht besser, aber ich nehme mir immer mehr Freiheiten heraus, gehe nicht mehr zur Mikweh, dem Frauen monatlich vorgeschriebenen Reinigungsbad, nehme Verhütungsmittel, was nach dem Gesetz streng verboten ist und beginne heimlich ein Studium. Ich schreibe in meinen Blog „Chassidische Feministin“ und bekomme eine Flut von Kommentaren; später wird daraus dieses Buch entstehen.

Ein Autounfall ist schließlich der letzte Anstoß, meinen Mann zu verlassen. Endlich bin ich frei.

„Ich bin frei, ich selbst zu sein, und das fühlt sich gut an. Wenn irgendwer jemals versuchen sollte, dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen.“ [371]


selber lesen: Deborah Feldmann, Unorthodox. Eine autobiografische Erzählung, 2016 [Übersetzung Christian Ruzicska, Original: Unorthodox. The Scadalous Rejection of My Hasidic Roots, 2012].


 

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