Die Liebe zu den Kindern und Nebenmenschen verpflichtet uns

Am 26. Januar 1806 predigte Pfarrer Rulemann Friedrich Eylert in Hamm. 

Zu jener Zeit litten die Menschen in Europa unter der Pocken-Pandemie. Eine wirksame Therapie gab es nicht, bis zu einem Drittel der Infizierten starb. Wer die Krankheit überlebte, war oft mit von Narben entstelltem Gesicht, Blindheit, Taubheit oder geistiger Verwirrung geschlagen. Besonders hart trifft die Infektion Kinder.

Bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gab es eine Impfung gegen diese gefährliche Viruserkrankung. Viele Menschen nutzten den Fortschritt der Medizin und ließen sich und ihre Kinder impfen. Viele Menschen aber waren auch skeptisch und lehnten einen Impfung ab.

Deswegen stieg Rulemann Friedrich Eylert an jenem Wintermorgen auf die Kanzel. Seine Predigt beginnt er mit einer Liedstrophe von Christian Fürchtegott Gellert (1715 – 1769):

„Wie groß, oh Gott, ist deine Güte!
Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt?
Der mit verhärtetem Gemüthe
Den Dank erstickt, der Dir gebührt?
Nein, – Deine Liebe zu ermessen,
Sey ewig unsre größte Pflicht!
Du Herr hast unsrer nicht vergessen;
Vergiß, mein Herz, auch Seiner nicht!“ [3]

Ja, Gottes Güte ist groß. Für jedes Leiden hält er einen Trost, eine Linderung und Hilfe bereit. In den Leiden der Seele ist die göttliche Religion Jesu Hilfe und Beistand. „Aber auch für die Leiden des Körpers hat die allwaltende gütige Vorsehung, in dem Schooße der mütterlichen Natur, Hülfe und Trost aller Art bereit.“ [4] Manchmal dauert es lange, bis der Mensch diese Hilfe findet, manchmal findet sich auch unerwartet ein einfaches Mittel gegen eine Krankheit.

Für eine Krankheit, die es schon seit dem 6. Jahrhundert große Leiden brachte, und die gerade jetzt in unserer Stadt schon wieder für mehrere Kinder den Tod gebracht hat, gibt es eine „Wohlthat, … die alle Aeltern, die ihre Kinder lieben, dringend auffordert, von derselben den gewissenhaftesten Gebrauch ohne Aufschub zu machen“ [6]:

Es gibt eine Impfung.

Gegen die Gefahr der Pocken können die Menschen durch die „Schutzblattern“ gesichert werden und es ist eine religiöse Pflicht, dies zu tun: „Ehre den Arzt mit gebührlicher Verehrung, daß du ihn habest zur Noth; denn der Herr hat ihn geschaffen und die Arzenei kommt vom Höchsten … Der Herr läßt die Arzenei aus der Erde wachsen, und ein Vernüftiger verachtet sie nicht.“ [9] So heißt es bei Jesus Sirach und wenn schon er so von den Ärzten seiner Zeit urteilt, wieviel mehr gilt seine Aufforderung heute.

Die Pocken bringen unbeschreibliches Leiden. Jährlich sterben 450.000 Menschen an der Krankheit und die, die überleben, haben oft ihr ganzes Leben an den Folgen zu leiden. Jetzt hat sich ein Gegenmittel gefunden, das seit fünfzig Jahren erforscht, in seiner Wirkung bestätigt und vielfach geprüft wurde.

„Daß man gegen diese, von so vielen Seiten und durch so übereinstimmende Erfahrungen bestätigte, erfreuliche, höchst wichtige Entdeckung, manche Einwürfe gemacht hat und noch immer macht, darf uns nicht befremden, da alles Neue, was vom gewöhnlichen Gange abgehet, und großes Aufsehen macht, von jeher, den am Alten gewohnten und damit schon vertraut gewordenen Menschen, zu Zweifeln und Widersprüchen reizte.“ [19]

Viele Einwände werden vorgebracht, aber alle Einwürde, Zweifel und Widersprüche sind vollkommen unbegründet:

• „Wer weiß, ob durch die Schutzblattern das Pockengift aus dem Körper gebracht wird und ob also nicht der Stoff zu anderen Krankheiten zurückbleibt?“ [20] – Aber die erfahrensten Ärzte widersprechen, die Pocken sind nicht im Körper sondern kommen von außen.

• „Wer weiß, ob die Kinder späterhin doch nicht an einer anderen Krankheit sterben?“ [20] – Aber es gilt doch, dass man den Menschen so lange am Leben erhalten soll, wie man kann.

• „Noch andere sagen: ‚Ich will mein Kind, das gesund ist, nicht vorsätzlich krank machen.‘“ [21] – Aber das trifft nicht zu. Die Impfung verursacht keine wirkliche Krankheit. Ohne alle Folgen sind die geringen Nebenwirkungen bald ausgestanden.

• Schließlich heißt es, man „darf Gott nicht vorgreifen.“ [21] Er allein bestimmt über Leben und Tod. – Aber Gott gibt dem Menschen die Mittel und Gaben zum Leben, und die Menschen müssen von diesen Mitteln vernünftigen Gebrauch machen. Damit greift man Gott nicht vor. „Greift man Gott vor, wenn man zum Empfang seines Segens den Acker bestellt? Kann man ärndten, ohne gesäet zu haben?“ [22]

All das bedeutet in Bezug auf die Impfung: „Dank gegen Gott, – Liebe zu unseren Kindern, – Liebe zu unseren Nebenmenschen, und – unsere eigene Ruhe verpflichtet uns dazu.“ [23] Wir sollten dafür sorgen, dass wir uns nicht später Vorwürfe machen müssen, nicht das Richtige für unsere Kinder getan zu haben. Jetzt gilt es zu handeln, da der Impfstoff vorhanden sei.

„So laß mich denn mit Sorgfalt meiden;
Was meines Körpers Wohlseyn stört;
Daß nicht, wenn seine Kräfte leiden,
Mein Geist den innern Vorwurf hört:
Du selbst bist Störer Deiner Ruh‘:
Du zogst Dir selbst Dein Uebel zu.“ [34]

So endet die Predigt mit einer Liedstrophe von Claus Harms (1778 – 1855).

Neunzehn Monate später, am 26. August 1807 wurde in Bayern als weltweit erstem Land eine Impfpflicht eingeführt. Baden folgte 1809, Preußen 1815, Württemberg 1818, Schweden 1816, England 1867 und das Deutsche Reich 1874 durch das Reichsimpfgesetz.


Selbst lesen: Rulemann Friedrich Eylert, Ueber die Pflicht der Aeltern, ihre Kinder durch die Impfung der Schutzblattern gegen die natürlichen Pocken zu sichern, 1806. Auch hier ist der Text zu finden.

Bild ronstik | www.pixabay.com


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