Tagebuch der Übersiedlung

Dževad Karahasan wurde 1953 in Duvno geboren. Die Mutter war gläubige Muslima, der Vater bekennender Kommunist. Er selbst lernt neben dem Besuch des Gymnasiums bei einem Franziskanerpater Griechisch und Latein. 1972 kommt er nach Sarajvo und studiert dort Literatur- und Theaterwissenschaft. Seit 1986 ist er Dozent an der Akademie für szenische Künste Sarajevo.

Die Belagerung Sarajevos durch die Armee der bosnischen Serben vom 4. April 1992 bis 29. Februar 1996 ändert das Leben in der Stadt dramatisch. Erst das, aus heutiger Sicht viel zu späte, militärische Eingreifen der UNO und NATO beendete die Belagerung, bei der mehr als 10.000 Einwohner getötet und mehr als 50.000 verletzt wurden.

Mit seinem „Tagebuch der Übersiedlung“ gibt Karahasan sehr persönlich Zeugnis von dieser Zeit.


Sarajivo – Portät der inneren Stadt

„Sarajevo, die größte und zugleich Hauptstadt Bosniens und der Herzegowina, ist eine für die Gegend besonders charakteristische Stadt (…). Im Miljcka-Tal erbaut, von Bergen umgeben, ist sie sozusagen von der Welt abgeschirmt und isoliert, von allem Äußeren abgeschlossen und ganz sich selbst zugewandt. In der Talsole wurde das Geschäftszentrum errichtet … und an den Hängen, von denen der Talkessel umgeben ist, wurden die städtischen Wohnviertel gebaut, die Mahale.“ [9] 

Die Stadt wurde 1460 gegründet. Hundert Jahre später lebten Menschen aller monotheistischen Religionen und Kulturen in ihr. „Alles, was in der Welt möglich ist, existiert in Sarajevo, verkleinert, reduziert auf seinen Kern, aber es existiert, weil Sarajevo der Mittelpunkt der Welt ist.“ [10]

Das bosnische Kultursystem, dass sich in Sarajevo besonders rein entwickelt hat, lässt sich als dramatisch bezeichnen: Im Drama stehen die verschiedenen Elemente in Spannung und bilden eine Ganzheit höherer Ordnung, ohne ihre Eigenschaften aufzugeben. Das westliche Kultursystem dagegen ist dialektisch: Unterschiedliche Elemente sind eigentlich eins und entwickeln sich zu einer hören Ordnung, in der sie ihre Eigenschaften aufgeben.

Das dramatische System Sarajevos lässt sich auch in den Stadtstrukturen erkennen. Das Innere der Stadt liegt im Tal und ist sternförmig von den unterschiedlichen Mahale umgeben, der muslimischen Mahala, der katholischen, der orthodoxen, der jüdischen und etlicher kleiner, alle durch ihre Religion, Sprache und Bräuche unterschieden.

In der Mitte der Stadt, der Čaršija, artikuliert und realisiert sich jede der Kulturen der Mahale. „Und sie alle unterstützen einander, arbeiten zusammen, zeigen in dieser Zusammenarbeit oder in diesem Konflikt ihre elementare Menschlichkeit und realisieren so die Universalität ihrer Kulturen“ [14].

Marindvorer Fragmente

Marindvor war war bis weit ins 20. Jahrhundert der Stadtrand von Sarajevo. Als ich dorthin zog, galt es als Mittelpunkt der Stadt, mit ihren unterschiedlichen Kulturen. Der Krieg zerstörte all dies. „Um die Erinnerung erträglich zu machen, in der Hoffnung, mein normales Leben zurückerobern und mein Heim zurückgewinnen zu können, und sei es auch in der Sphäre des Idealen, habe ich ein paar Fragmente über die Umsiedlung von Marindvor war ins Ideale, ins Gedächtnis, in den Schatten notiert.“ [31]

Der Krieg begann Ende Mai 1992. Im Januar 1993 besuchte mich ein amerikanischer Journalist. Er fragte, warum die Bewohner Sarajevos nicht einer Teilung Bosnien zustimmen würden, wenn so Frieden wäre. „‚Wie will man das denn teilen?‘, fragte ich. Wenn Sarajevo geteilt würde, könnte ich nicht baden, weil die Badewanne in der serbischen Provinz meiner Frau bliebe, aber dafür könnte sich meine Frau nicht einfach waschen, weil das Waschbecken in meiner Provinz bliebe. Und so verhält es sich mit neun von zehn Wohnungen, so viele es im Haus gibt.“ [54] …


selber lesen: Dževad Karahasan, Tagebuch der Übersiedlung. Essays, 2021.


 

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