Ach, wie ein Narr war ich auf Fahrt

Die Hochkultur zwischen der Mitte des 12. und des 13. Jahrhunderts war der Minnesang. Das Publikum war adlig. Die Lieder wurden bei Hofe vorgetragen. Die Sänger waren nicht unvermögend.

Dass unter den Minnesängern auch Juden waren, galt lange Zeit als ausgeschlossen. Dass im Codex Manesse1, der umfangreichsten Liederhandschrift des Mittelalters, auch die Lieder eines Juden abgedruckt waren, wurde damit erklärt, dass ein Christ in die ihm fremde Rolle geschlüpft sei. Man wollte nicht wahrhaben, dass Juden und Christen in gleicher Weise Anteil an der Kultur und Gesellschaft hatten.2

Erst heute geht man davon aus, dass Juden ganz selbstverständlich Teil der damaligen Gesellschaft waren.3 Jüdische Sänger übernahmen die mittelhochdeutsche Dichtung und dichteten auch selbst und reisten als fahrende Sänger von Hof zu Hof. Sueskint d’ Jude von Trimperg hat es sogar mit zwölf Sangsprüchen in den Codex Manesse geschafft.


Sueskint von Trimperg (zwischen 1250 und 1300)
Ich var ûf der tôren vart
Gedicht zum 12. Juni 2022

Ich var ûf der tôren vart
mit mîner künste zwâre,
daz mir die herren nicht went geben.
des ich ir hof wil fliehen
und wil mir einen langen bart
lân wachsen grîser hâre:
ich wil in alter juden leben
mich hinnân fürwert ziehen.
mîn mantel der sol wesen lanc,
tief under einem huote,
dêmüeteclich sol sîn mîn ganc
und selten mê ich singe in hovelîchen sanc,
sîd mich die herren scheiden von ir guote.

Nachdichtung
Ach, wie ein Narr war ich auf Fahrt,
mit meiner Kunst für Jahre.
Auf sie will keiner mehr was geben,
Ich werd dem Hof entfliehen. 
Bald trag ich einen langen Bart,
Schon sprießen mir die Haare.
Ich werd’ nach alter Väter Sitte leben
Und durch die Lande ziehen.
Mein Mantel weht schon weit und lang
Tief unter meinem Hut.
Und voller Demut ist mein Gang,
Nie wieder singe ich des Hofes Sang.
Gehabt euch wohl! Er macht sich fort, der Jud!4


Bild Codex Manesse


1Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), Zürich, ca. 1300 bis ca. 1340, https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848 [11.6.2022].

2 siehe unter anderem: Raphael Strauss, Was Süsskind von Trimberg a Jew? An Inquiry into 13th Century Cultural History, in: Jewish Social Studies 10, 1948, 19-30; Helmut de Boor (Ed), Mittelalter. Texte und Zeugnisse 1,1, 1965, 708.709; Helmut de Boor, Die deutsche Literatur im späten Mittelalter. Zerfall und Neubeginn, 41973; Brian Murdoch, 1250 During the latter part of the thirteenth century „Süßind the Jew of Trimberg“ is among the growing number of nonaristocratic Spruchdichter – poets writing on a wide range of social, religious, or political themes, in: Sander Gilmann (Ed), Yale Companion to Jewish Writing and Thought in German Culture 1096-1996, 1997, 21–26. 

3Klaus Wolf, Gesichter unseres Landes: Süßkind von Trimberg, 2021, https://www.hss.de/news/detail/portraits-juedischer-persoenlichkeiten-news7908/  [11.6.2022]; Ricarda Bauschke, ich wil in alter juden leben mich fürwert ziehen. Süßkind von Trimberg. Ein jüdischer Autor in der Manessischen Handschrift, in: Ursula Schulze (Ed), Juden in der deutschen Literatur des Mittelalters. Religiöse Konzepte – Feindbilder – Rechtfertigungen, 2002, 61-85.

4Nachdichtung Lothar Jahn, http://www.minnesang.com/suesskind-von-trimberg.html [11.6.2022].

 


 

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