Weiße Nächte

„Es war eine wunderbare Nacht, eine von den Nächten, die wir nur erleben, solange wir jung sind, freundlicher Leser. Der Himmel war so sternenreich, so heiter, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte: können denn unter einem solchen Himmel überhaupt irgendwelche böse oder mürrische Menschen leben? So fragt man nur, wenn man jung ist, freundlicher Leser, wenn man sehr jung ist; doch möge der Herr Ihnen solche Fragen öfter eingeben …“ [3]

Ich irre wie so oft durch Petersburg. Hier lebe ich nun schon acht Jahre, habe es aber noch nicht verstanden, Bekanntschaften zu machen. Als ich schließlich sehr spät zu meiner Wohnung ging, sah ich ein weibliches Wesen. Ich wollte sie ansprechen, wagte es aber nicht. Da half mir das Schicksal. Ein wankender Herr im Frack wollte das Mädchen belästigen. Ich stellte mich ihm in den Weg.

„‚Geben Sie mir Ihren Arm,‘ sagte ich meiner Unbekannten, ‚und er wird sich nicht mehr unterstehen, Sie zu belästigen.‘“ [13.14] Sie reichte mir ihren Arm. Wir redeten schüchtern miteinander, vertrauten einander unsere Gedanken an. Wir schienen einander ganz nah, wollten einander alles erzählen, am nächsten Tag.

In der zweiten Nacht trafen wir uns wieder.

„‚Ich bin schon seit zwei Stunden hier.‘

‚Ich weiß es, ich weiß es. Doch zur Sache. Wissen Sie, wozu ich hergekommen bin? Doch nicht um Unsinn zu schwatzen, wie gestern. Hören Sie: wir müssen in Zukunft vernünftiger sein. Ich habe darüber gestern noch lange nachgedacht.‘

‚Worin sollen wir denn vernünftiger sein? Ich meinerseits bin ja zu allem bereit; doch ich habe in meinem ganzen Leben wirklich nichts Vernünftigeres erlebt, als das, was ich jetzt erlebe.‘

‚Ist es wahr? Erstens muß ich Sie bitten, mir nicht so fest die Hände zu drücken; zweitens erkläre ich Ihnen, daß ich heute viel über Sie nachgedacht habe.‘

‚Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?‘

‚Zu welchem Ergebnis? Nun, daß wir alles von vorne anfangen müssen, denn ich habe heute schließlich eingesehen, daß ich Sie noch gar nicht kenne …’“ [23]

‚Also erzähle ich meine Geschichte: Ich bin ein Typ, ein Sonderling, ein Träumer. Ich bin einsam und traurig … „Ach Nastenka! Es ist so traurig, allein, ganz allein zu bleiben und nicht einmal etwas zu haben, was man beweinen könnte, nichts, gar nichts! … Denn alles, was man verloren hat, war eigentlich nichts, eine absolute Null, ein Hirngespinst!’

‚Genug! Sie verwunden mir mit Ihren Reden das Herz!‘ sagte Nastenka, sich Tränen aus den Augen wischend. ‚Nun ist es damit zu Ende! Jetzt werden wir zusammen sein; was mir auch das Schicksal bringt, wir trennen uns nicht mehr.’“ [45]

‚Nun will ich meine Geschichte erzählen: Ich bin bei meiner blinden Großmutter aufgewachsen. Als ich ihr einmal einen harmlosen Streich spielte, heftete mich eines Tages mit einer Nadel an ihr Kleid, damit sie künftig besser auf mich aufpassen konnte. Meine Großmutter hatte immer einen Untermieter, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Eines Tages kam ein neuer Zimmerherr, ein junger Mann von angenehmem Äußeren. Ich lud mich ins Theater. Ich verliebte mich in ihn und als er unser Haus verlassen musste, sagte er:

„,Hören Sie, meine gute, liebe Nastenka!’ begann er, gleich mir gegen Tränen kämpfend. ,Hören Sie mich an! Ich schwöre Ihnen: wenn ich einmal in der Lage sein werde, zu heiraten, so werden nur Sie und keine andere mein Glück ausmachen! Hören Sie: ich fahre jetzt nach Moskau und bleibe dort genau ein Jahr. Ich hoffe mir dort eine Lebensstellung zu schaffen. Wenn ich zurückkehre und Sie mich dann noch liebhaben, so werden wir zusammen glücklich werden; das schwöre ich Ihnen!“ [57.58] Wenn ich zurück bin, melde ich mich gleich bei Ihnen.’

‚Nun habe ich erfahren, dass er zurück ist. Aber er hat sich nicht gemeldet.‘

In der dritten Nacht kam sie eine ganze Stunde früher als ich. Nastenka ist fröhlich: 

„‚Wissen Sie, warum ich so lustig bin?‘ fragte sie: ‚Warum ich mich freue, wenn ich Sie bloß ansehe? Warum ich Sie heute so liebe?‘

‚Nun?‘ fragte ich mit bebendem Herzen.

‚Ich liebe Sie, weil Sie sich in mich nicht verliebt haben. Jeder andere an Ihrer Stelle würde wohl zudringlich werden, würde schmachten, stöhnen und mich beunruhigen; doch Sie sind so nett!‘“ [66]

Ich schlage Nastenka vor, ihrem Verehrer einen Brief zu schreiben. Aber als wir uns in der nächsten Nacht treffen, hat er sich noch nicht gemeldet. Nastenka gibt die Hoffnung auf und weint. Ich versuche sie zu trösten. Meine eigene Erregung drängt mich dazu, zu sagen, was in meinem Herzen ist: 

„Es ist unmöglich, doch ich liebe Sie, Nastenka! Das ist alles, was ich sagen wollte! Nun ist es heraus!“ [80] Nun ist es an mir zu weinen und an Nastenka, mich zu trösten:

„Wenn Sie mit mir Mitleid haben und mich nicht allein meinem Schicksal überlassen wollen, ohne Trost und ohne Hoffnung; wenn Sie mich immer so lieben wollen, wie jetzt, so schwöre ich Ihnen, daß meine Dankbarkeit … daß meine Liebe der Ihrigen würdig sein wird … Wollen Sie nun meine Hand?“ [86]

Mit einem Mal sind wir beide fröhlich. Ich bringe Nastenka zu ihrer Wohnung. Da ist ein junger Mann.

„Mein Gott, wie sie aufschrie! Wie sie zusammenfuhr! Wie sie sich von meinem Arme losriß und ihm zuflog! .. Ich stand ganz niedergeschmettert da und sah die beiden an. Doch kaum hatte sie ihm die Hand gereicht, kaum war sie ihm in die Arme gesunken, als sie sich plötzlich umwandte, wie der Wind, wie der Blitz zu mir eilte, und, ehe ich mich versah, mit beiden Armen meinen Hals umschlang und mir einen heißen herzhaften Kuß auf die Lippen drückte. Dann flog sie, ohne mir ein Wort zu sagen, ihm wieder zu, ergriff seine Hand und zog ihn mit sich fort.“ [91]

Am nächsten Morgen trifft ein Brief von ihr ein. Nastenka bittet um Verzeihung. Ja, ich kann ihr verzeihen. Sie hat mir Augenblicke der Seligkeit und des Glücks geschenkt. „Mein Gott! Ein ganzer Augenblick der Seligkeit! Genügte er nicht für ein ganzes Menschenleben?“ [95.96]


Selbst lesen: Fjodor Dostojewski, Weiße Nächte. Ein empfindsamer Roman. Aus den Erinnerungen eines Träumers. 1848 [Übersetzung Alexander Eliasberg], auch hier zu finden.


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